Seerose Potsdam

Seerose Potsdam
Uferansicht mit Terrassenbereich, 2008

Uferansicht mit Terrassenbereich, 2008

Daten
OrtPotsdam
BaumeisterUlrich Müther
BauherrStadt Potsdam
BaustilOrganische Architektur
Baujahr1982/83
Besonderheiten
Selbsttragendes Spannbeton-Dach aus acht radial angeordneten Hyparschalen

Die Seerose Potsdam ist ein Uferpavillon in Potsdam. Das achtfach geschwungene Dachtragwerk in Gestalt einer Blattrosette ist ein Hyparschalenbau und wurde von Bauingenieur Ulrich Müther entworfen. Das Gebäude wurde am 21. Dezember 2004 vom Brandenburgischen Landesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt.[1] Der Baustil der Seerose wird der organischen Architektur zugeordnet.[2]

Geschichte

Das frühere Café und heutige Restaurant Seerose wurde von 1982 bis 1983 in der Breiten Straße 28 am Ufer der Neustädter Havelbucht errichtet.[3] Das Wohnungsbaukombinat Potsdam (WBK) platzierte den Uferpavillon bewusst in die Nachbarschaft des historischen und baulich „exotischen“ Dampfmaschinenhauses in Gestalt einer Moschee,[4] das zur Bewässerung der Teichfontänen von Schloss Sanssouci durch Ludwig Persius von 1841–43 erbaut worden war. Zur weiteren Aufwertung der Wohngegend war auch die Installation einer 30 m hohen Wasserfontäne in der Havelbucht geplant, was jedoch eingestellt wurde, da sich damals in der Nähe der Einlauf einer Mischwasseranlage (ungeklärtes Schmutzwasser) befand.[1]

Die Innenarchitektur der Seerose stammte vom Potsdamer Architekten Dieter Ahting. „Der Innenraum war ehemals ein im Rahmen der damaligen Möglichkeiten individuell gestalteter Gastraum, wie er in Potsdam nur an wenigen Stellen errichtet wurde.“[1] Der Potsdamer Kunstschmied[5] Christian Roehl (1940–2013)[6] entwarf viele bauliche Details für das Café. Dieser Innenausbau wurde zum großen Teil vom Eigentümer der Sandbar Catering GmbH um 2013 entfernt.[3] Zum 30-jährigen Bestehen baute er das Restaurant innen um und sanierte es ohne Genehmigung des Denkmalamtes.[7] Daraufhin folgte eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien.[8][9] Seit der Eröffnung 1983 befanden sich verschiedene Gaststätten, Restaurants und Bars in dem Gebäude,[10] das zwischenzeitig auch leer stand (1994–96, 2006–08).[3]

Im Juni 2006 bot der damalige Eigentümer TLG Immobilien AG das Gebäude zum Verkauf an, da man nicht bereit war, für den aufgelaufenen Sanierungsbedarf zu bezahlen. Bei einem Vortrag des Bundes Deutscher Baumeister (BDB) im Oktober 2006 mahnte daher der beteiligte Architekt Ahting vor einem Verfall der Seerose.[11]

Bauwerk

Das Dachwerk des Restaurants besteht aus acht doppelt gekrümmten, sechs Zentimeter dünnen Hyparschalen, „leicht und fließend wie Stoff lässt es die schwere Masse wirken.“[12] Müthers architektonisches Vorbild und Inspiration der Seerose war für ihn Félix Candelas Restaurant Los Manantiales [= die Quellen] in Xochimilco, Mexiko-Stadt (1958).[13] Candelas Gebäude hat eine Spannweite von 32,47 m, Müthers Seerose erstreckt sich über einen Durchmesser von 23 m.[14] Im Unterschied zu Candelas Bauwerk hat Müther in der Dachmitte einen Lichtschacht offengelassen. Der Innenraum ist zur Hälfte in einen Gaststättenbereich und einen Versorgungstrakt aufgeteilt entsprechend der HO-Gaststättenverordnung.[1]

An den Tiefpunkten liegen die einzelnen Schalen auf acht Betonfundamenten auf. Unterhalb des Gebäudes halten sich die Schalen an diesen Sockeln durch Zuganker und Stahlzugbänder („Bündelspannglieder“) gegenseitig stabil. Die unteren Dachkehlen wurden mit Stahlrippen verstärkt, um das Gewicht der überkragenden Dachränder besser abzustützen.[3] Die Innenwände haben keine stützende Funktion, da die Hyparschalen selbsttragend sind. Wegen des weichen Baugrundes in Ufernähe verdichtete man das Baufundament mit 104 Betonpfählen, die zwischen 16 und 18 m lang sind.[1] Damit entfiel auch die Möglichkeit eines Kellergeschosses für musikalische Veranstaltungen.[1]

Die Terrasse am Havel­buchtufer ist rund 200 m² groß. Eine hauseigene Bootsanlegestelle[15] bietet Passagierschiffen die Möglichkeit zum Anlegen.[16]

Galerie

Würdigung

Im Oktober 2020 stellte der Potsdamer Bürgerverein „Freies Tor“ im Beisein von Dieter Ahting eine Info-Tafel neben der Seerose auf im Rahmen eines „historischen Parcours“ in Potsdam.[17] Der Verein „Freies Tor“ möchte mit dem Parcours über die historisch bedeutsamen Baudenkmale seiner Stadt informieren und damit diese Bauwerke würdigen.[18]

Verschiedenes

Candelas Bauwerk inspirierte auch den westdeutschen Bauingenieur Jörg Schlaich zu einem Forschungsprojekt an der Universität Stuttgart. Auf der Bundesgartenschau 1977 in Stuttgart präsentierte er einen achtschaligen Ausstellungspavillon, dessen Dach aus dem damals neuen Baustoff Glasfaserbeton bestand. Die Dachdicke konnte er damit auf 10 bis 12 mm reduzieren[19] und ebenso erheblich an Gewicht. Nach fünf Jahren waren „merkliche Kriechverformungen“ zu erkennen. Die Glasfasern waren noch nicht ausreichend alkali­beständig, sodass der Beton versprödete und der Gärtnerpavillon 1982 abgerissen werden musste.[20]

Literatur

  • Dieter Ahting: Café Seerose in Potsdam. In: Architektur der DDR, 25. Jg., 1986, ISSN 0323-3413, S. 552f.
  • Catrin During & Albrecht Ecke: Gebaut! Architekturführer Potsdam. 1. Auflage. Lukas-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-936872-90-3, S. 175.
  • Tanja Seeböck: Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Thomas Helms Verlag, Schwerin 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 183; 190; 371 [Datenblatt 60].
  • Sabine Ambrosius, Tanja Seeböck: Potsdam, Café Seerose. Ein Schalenbau von Dieter Ahting und Ulrich Müther. In: Brandenburgische Denkmalpflege, BLDAM (Hrsg.), 2016, 2. Jg., N. F., ISSN 0942-3397, Heft 2, S. 58–68, Volltext online, (PDF; 1,26 MB).

Weblinks

Commons: Seerose Potsdam – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Sabine Ambrosius, Tanja Seeböck: Potsdam, Café Seerose. Ein Schalenbau von Dieter Ahting und Ulrich Müther. In: Brandenburgische Denkmalpflege, 2016, (PDF; 1,26 MB).
  2. Pressemappe: Architektur-Ikonen von Ulrich Müther auf Rügen. In: Wüstenrot Stiftung / Artefakt Kulturkonzepte, 25. April 2018, (PDF; 727 kB); Tanja Seeböck: „Diese Leichtigkeit und die utopische, organische Formensprache konnten bei den Kleinarchitekturen wesentlich freier realisiert werden als bei Müthers Großbauten, die immer auf einen konkreten Funktionsbedarf zugeschnitten waren ...“ (S. 12).
    Müthers Bauvorbild Los Manantiales wird ebenso als organische Architektur bezeichnet, vgl. Allison Lee Palmer, The A to Z of Architecture, 2009, ISBN 978-0-8108-6895-3, S. 81, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  3. a b c d Seeböck, Schwünge in Beton, S. 371.
  4. Luftbild: Seerose mit Dampfmaschinenhaus im Hintergrund. In: Potsdam Tourismus, 23. März 2019, aufgerufen am 20. Mai 2020.
  5. Nadine Fabian: Trauer um den Kunstschmied Christian Roehl. Gedanken in Stahl. In: Märkische Allgemeine, 8. April 2013.
  6. Biografie. In: christianroehl-zeichen.de, aufgerufen am 20. Mai 2020.
  7. Ildiko Röd: Streit um Potsdamer Traditionsrestaurant. Seerosen-Krieg in der Havelbucht. In: Märkische Allgemeine, 24. Mai 2015.
  8. Henri Kramer: „Seerose“ in der Havelbucht. Richterin rügt Schwarzbauten. In: Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN), 6. Juni 2015.
  9. Christine Fratzke: Verhandlungen statt Gerichtstermin. Vertrauliche Gespräche zu „Seerose“-Schwarzbauten. In: PNN, 12. September 2015.
  10. dpa/PNN: Ein luftiges und leichtes Gebäude. Ausstellung über den Architekten der „Seerose“. In: PNN, 21. Juli 2014.
  11. Günter Schenke: „Seerose“ droht der Verfall. In: PNN, 9. Oktober 2006.
  12. Sophia Grützmann: Strandflair an der Havel: Café Seerose in Potsdam. In: reiseland-brandenburg.de, 17. September 2014.
  13. Michelle Miller: AD Classics: Los Manantiales / Felix Candela. In: ArchDaily.com, ISSN 0719-8884, 14. April 2014, (englisch).
  14. Seeböck, Schwünge in Beton, S. 183.
  15. Die „Seerose“ in der Neustädter Havelbucht Potsdam. In: reiseland-brandenburg.de, 2016, aufgerufen am 20. Mai 2020.
  16. Luftbild: Die Neustädter Havelbucht in Potsdam bei Brandenburg. In: foto.aero / Peter Schubert, 14. April 2014.
  17. Jennifer Bongards: Potsdams Seerose: Verein ehrt Gastronomie-Denkmal und Bauingenieur mit Infotafel. In: Märkische Allgemeine, 14. Oktober 2020, nur Artikelanfang frei.
  18. Freies Tor fordert historischen Parcours. (Memento vom 22. März 2018 im Internet Archive). In: freiestor.de, 2013.
  19. Fritz Leonhardt, Eduard Mönnig: Vorlesungen über Massivbau. Teil 1: Grundlagen zur Bemessung im Stahlbetonbau. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-61739-3, S. 66, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  20. Baubeschreibung: Schalendach für einen Ausstellungspavillon – BUGA 1977. In: schlaich bergermann partner (sbp), mit Fotos, aufgerufen am 5. November 2020.

Koordinaten: 52° 23′ 44,9″ N, 13° 2′ 46,6″ O

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Potsdam Restaurant Seerose.jpg
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Potsdam, ehemaliges Restaurant Seerose
Cafe Seerose Potsdam.JPG
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Die Seerose ist ein Café und Restaurant mit Blick auf die Neustädter Havelbucht in Potsdam. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Pumpwerk von Sanssouci, der Moschee in der Breiten Straße. Das mit einem ungewöhnlichen Faltdach gedeckte Gebäude wurde vom Bauingenieur Ulrich Müther entworfen. Der geschwungene Betonschalenbau bietet einen Kontrast zu den umgebenden Hochhäusern.
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Restaurante Los Manantiales desde embarcadero
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Gaststaette "Seerose" am Neustaedter Havel Bucht Now the City Beach Club. Architect : Ulrich Müther 1980.(cf Cafe Tee-Pott in Warnemuende) Muether ,b 1934 only died in 2007 and should be celebrated as one of the great GDR architects, responsible for the concrete shell style which produced designs for restaurants etc . For a complete list of his works, see here.... de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_M%c3%bcther His eclectic Ahornblatt Restaurant in Getraudenstrasse in Berlin Mitte was ripped down in 2000. A book has been published in 2008 concerning his Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern

A list of Muether's extraordinary buildings may be found at this site