Redendes Wappen

Als redendes Wappen (im Französischen immer im Plural: armes parlantes), auch sprechendes Wappen oder Namenswappen, bezeichnet man in der Heraldik solche Wappen, die im Fall von Familiennamen auf den Namen des Inhabers oder im Falle von Ortswappen auf die (oft volksetymologische) Deutung des Ortsnamens entweder anspielen oder ihn rebusartig darstellen. Die Anspielung liegt meist in der Figur, seltener in der Farbe.

Entstehung

Wappen entstanden im Mittelalter aus verzierten Reiterschilden im 13. Jahrhundert und 14. Jahrhundert. Die Namensursprünge des deutschen Uradels liegen in vielen Fällen in der Wappenfigur (oder gemeinen Figur) oder auch der Helmzier. Insofern könnte der Begriff „redendes Wappen“ den irreführenden Eindruck erwecken, dass bei den vielen Ministerialenfamilien des Uradels zuerst der Name und dann das Wappen da war (was auch gelegentlich vorkam, häufiger aber beim späteren Briefadel), während in den meisten Fällen umgekehrt der Ritter nach dem Erkennungszeichen benannt wurde, das er auf seinem Schild aufmalen ließ oder das er als Helmkleinod auf seinem Helm anbrachte, so etwa bei den Fuchs von Bimbach, Gans zu Putlitz, Riedesel zu Eisenbach, Rabe von Pappenheim, Behr, Hahn, Hundt, Ochs, Rüdt, Schweinichen, Wolff, Nagel, Pflugk, Ketelhodt usw. Ähnliches gilt für Stadtwappen, etwa das Wappen von München, das Landeswappen Hamburgs, das Wappen Berlins usw.

Bei modernen Wappen (Familien- oder Ortswappen) ist es häufig umgekehrt: Vom Namen wird ein Symbol (die Wappenfigur) abgeleitet, die möglichst irgendwie auf ihn anspielt. Gerade bei Ortswappen wird aber auch häufig auf historische Wappen (etwa von einst am Ort begüterten Adelsgeschlechtern oder Klöstern) zurückgegriffen, die (allein oder in Kombination mit anderen Figuren) in das neue Wappen aufgenommen werden. Eine solche Heraldik hat mehr geschichtliche Tiefe, wobei es dann von den historischen Umständen abhängt, ob redende Figuren, die mit dem Ortsnamen zusammenhängen, vorkommen oder nicht.

Redende Zeichen gab es bereits in der Antike. Vor allem die zunächst noch nicht beschrifteten Münzen aus der archaischen Zeit nehmen in ihren Motiven häufig auf die Namen der Städte Bezug, in denen sie geprägt wurden. Beispiele sind Phokaia mit einer Robbe (altgriechisch phokä), Zankle (zánklä = Sichel), Himera mit einem Hahn (häméra = Tag) und Selinus mit dem Blatt einer Sichelstaude (sélinon = Selleriestaude),[1] Melos mit einem Apfel (melon), Rhodos mit einer Rosenblüte (rhodon).[2] Einige Münzen aus der Zeit der Römischen Republik spielen mit redenden Zeichen auf die Familiennamen der Münzmeister an.[3]

Beispiele

Die Grafen von Henneberg führten z. B. eine Henne auf einem Dreiberg, die Herren von Aufenstein einen Auf oder Uhu, die Grafen von Helfenstein einen Elefanten; das Wappen der Herren von Olvenstedt zeigt ein Kamel, welches im Mittelalter Olfent hieß. Hier lag eine phonologische Ähnlichkeit nahe. Die spätere offizielle Heraldik verfuhr bei der Wahl der redenden Wappen sehr willkürlich und den Gesetzen der Heroldskunst widersprechend. So ist das Wappen des preußischen Staatsministers August Friedrich von Boden (geadelt 1739) dreifach redend, indem es eine Pfote (Pote), einen Boden und einen Boten enthält.

Auch Ortswappen können sprechend sein, etwa bei Berlin (volksetymologisch als Bärlein = kleiner Bär uminterpretiert) oder Bern (ebenfalls volkstümliche Anlehnung an Bär) sowie Hamburg (Burg auf rotem Grund).[4] Bei Uri handelt es sich um das Ur, einen Auerochsen, bei Füllinsdorf um ein Fohlen (schweizerdeutsch Fülli; etymologisch liegt indes ein männlicher Personenname vor). Ein weiteres Beispiel ist Tragwein (Weinfass auf einer Trage). Falken finden sich oft in Wappen von Orten mit Namen Falkenstein und Falkenberg (so im heutigen Niemodlin), der Löwe bei der Gemeinde Löwenberger Land, Beile, die in Beilstein diesen hämmern, ferner eine Tanne auf Münzen und Wappen der elsässischen Stadt Thann. Bekannt sind auch die Magd über der Burg im Wappen von Magdeburg oder der Stralsunder Strahl.

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Bockstaler von 1621, Schaffhausen

Als Münzmeisterzeichen wurden redende Wappen ebenfalls verwendet. Zum Beispiel hatte Ernst Peter Hecht, von 1693 bis 1714 Münzmeister der Münzstätte Leipzig, die Buchstaben E P H und zusätzlich den Hecht aus seinem Wappen. Auch auf Münzen kommen redende Wappen vor. Karl Christoph Schmieder erklärt das Münzbild der Schaffhauser Bockstaler, dass es sich um das Stadtwappen von Schaffhausen handelt. „Schafbock und Haus“ so Schmieder, sind das redende Wappen von Schafhausen.[5]

Speyerer Dom, Afrakapelle, redendes Wappen „Burgmann“, vom Grabmalrest des Domdekans Nikolaus Burgmann († 1443)
Stiftskirche Neustadt an der Weinstraße, redendes Wappen des Speyerer Bischofs Konrad von Busch. (Links das blaue Bistumswappen mit weißem Kreuz, rechts ein brennender Dornbusch)

Viele redende Wappen sind eine (teilweise volksetymologische) direkte bildhafte Umsetzung des Ortsnamens:

Andere Wappen benutzen einen symbolhaften „Umweg“:

  • Baden zeigt Badende
  • Bettendorf (entstanden aus Betendorf) zeigt Bibel und Rosenkranz als Symbol für das Beten
  • Kröpelin zeigt einen Krüppel; tatsächlich liegt das slawische Wort crepelice (= Ort der Wachtel) zugrunde
  • Frankfurt (Oder) zeigt einen Hahn, lat. gallus. Im mittelalterlichen Latein sind die galli Franken („Gallier“).
  • Gallipoli zeigt einen Hahn, ital. gallo, obwohl der Name der Stadt eigentlich von griech. kalòs kommt (Volksetymologie)
  • Luckau zeigt einen Stier, das Symbol für den Evangelisten Lukas
  • Jüterbog zeigt einen Bock, der nach einer Volksetymologie der Namensgeber sein soll
  • Kindberg in der Steiermark blasoniert wie folgt: „In blauem Schild golden ein auf einem silbernen Berg sitzendes nacktes, nur mit Lendentuch bekleidetes Kind, unter drei halbrund angeordneten goldenen fünfzackigen Sternen mit einer der vorne und hinten gebogen aus dem Berg wachsenden silbernen Blumen spielend.“
  • Lauffen am Neckar hat den laufenden Boten („Läufer“)
  • Lichtental, der Bezirksteil des 9. Wiener Gemeindebezirkes zeigt ein von der Sonne beleuchtetes Tal
  • Schattendorf – wirft Schatten
  • Telgte (nach einem Gehöft Telgoth) zeigt eine stilisierte Eiche, Telge steht dabei für Eiche (Telgen potten für Bäume pflanzen, 16. Jahrhundert)

Initialwappen

Auch sind die Initialwappen häufig als redend anzusehen. Beispiele sind:

  • Hradec Králové (deutsch Königgrätz) in Tschechien mit einem „G“
  • Jevíčko (deutsch Gewitsch) in Tschechien mit einem „G“
  • Kielce in Polen mit einem „CK“ für „Civitas Kielce“
  • Kraslice in Tschechien mit einem wappenfüllenden „G“, das bis 1945 für den deutschen Namen Graslitz stand
  • Moravská Třebová (deutsch Mährisch-Trübau) in Tschechien mit einem „T“
  • Olomouc (deutsch Olmütz) in Tschechien mit dem Kürzel „SPQO“ für „Senatus Populusque Olomucensis“
  • Radom in Polen mit einem ein „R“ unter einer Krone
  • Wrocław (deutsch Breslau) in Polen mit einem „W“
  • Zittau in Sachsen mit einem silbernen „Z“ in der Wappenmitte
  • Znojmo (deutsch Znaim) in Tschechien mit einem „Z“

Literatur

  • Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich/Leipzig 1984, ISBN 3-411-02149-7; 2., unveränderte Aufl. mit dem Untertitel Von Apfelkreuz bis Zwillingsbalken. Battenberg, Regenstauf 2006, ISBN 3-86646-010-4; 3. Aufl. 2011, ISBN 978-3-86646-077-5.
  • Winfried Schich: Redende Siegel brandenburgischer und anderer deutscher Städte im 13. und 14. Jahrhundert. In: Markus Späth (Hrsg.): Die Bildlichkeit korporativer Siegel im Mittelalter. Kunstgeschichte und Geschichte im Gespräch (= Sensus. Band 1). Böhlau, Köln u. a. 2009, ISBN 978-3-412-20353-5, S. 113–130.

Weblinks

Commons: Redendes Wappen – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Florian Haymann: Antike Münzen sammeln. Battenberg, Regenstauf 2016, S. 29, 32.
  2. Peter Franz Mittag: Griechische Numismatik. Verlag Antike, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-938032-85-5, S. 22.
  3. Rainer Albert: Die Münzen der Römischen Republik. Battenberg, Regenstauf 2003, ISBN 978-3-86646-072-0, Katalognummern 874, 905, 1117, 1241, 1298 und 1464.
  4. Eigentlich ist die Mauer mit Tor und Türmen das generelle Wappensymbol für eine Stadt. In Hamburg ist allerdings dieses übliche Symbol burghaft zusammengedrängt.
  5. Karl Christoph Schmieder: Handwörterbuch der gesammten Münzkunde. Waisenhaus, Halle/Berlin 1811 (S. 61 in der Google-Buchsuche).

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