Midyat

Midyat
Midyat (Türkei)
Basisdaten
Staat:Turkei Türkei
Provinz (il):Mardin
Koordinaten:37° 25′ N, 41° 22′ O
Höhe:950 m
Fläche:1.241 km²
Einwohner:117.364[1] (2020)
Bevölkerungsdichte:95 Einwohner je km²
Telefonvorwahl:(+90) 482
Postleitzahl:47 500
Kfz-Kennzeichen:47
Struktur und Verwaltung (Stand: 2012)
Gliederung:72 MahalleStadtbezirke
Belediye Baskan:Veysi Şahin (AKP)
Postanschrift:Yeni Mah.,
Cumhuriyet Blv.
47500 Midyat
Website:
Landkreis Midyat
Einwohner:117.364[1]
Fläche:1.241 km²
Bevölkerungsdichte:95 Einwohner je km²
Kaymakam:Tekin Dundar
Website (Kaymakam):
Vorlage:Infobox Ort in der Türkei/Wartung/Landkreis

Midyat (reichsaramäisch ܡܕܝܕMëḏyaḏ; arabisch مديات, DMG Midyād; kurdisch Midyad) ist eine Stadtgemeinde (Belediye) im gleichnamigen Landkreis (Ilçe) der Provinz Mardin in der türkischen Region Südostanatolien. Sie bildet zugleich einen Stadtbezirk der 2012 geschaffenen Großstadtgemeinde Mardin (Büyükşehir Belediyesi). Seit der Verwaltungsreform von 2013 sind Landkreis und Gemeinde flächen- sowie einwohnermäßig identisch.

Die Stadt liegt im Gebiet des Tur Abdin, einem historischen Siedlungsraum der syrisch-orthodoxen Christen. Midyat war über Jahrhunderte ein wichtiges religiöses und kulturelles Zentrum der Suryoye (Aramäer/Assyrer), die verschiedenen syrisch-orthodoxen Kirchen[2] angehören. Zahlreiche Kirchen, Klöster und traditionelle Steinhäuser im aramäischen Stil prägen noch heute das Stadtbild. Seit 1478 ist Midyat Sitz eines syrisch-orthodoxen Bischofs; seit 2009 befindet sich dessen Residenz im nahegelegenen Kloster Mor Gabriel, dem bedeutendsten Kloster des Tur Abdin.

Neben den syrisch-orthodoxen Christen lebten über viele Generationen auch Êzîden in den umliegenden Dörfern von Midyat. Sie stellten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Bevölkerungsgruppe in der Region dar und sind in einigen Ortschaften noch immer vertreten.

Heute bilden überwiegend Araber und Kurden die Bevölkerung von Midyat. Die Stadt gilt aufgrund dieser Vielfalt an Sprachen, Religionen und Kulturen als ein traditioneller Treffpunkt unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gruppen im Südosten der Türkei.

Geographie

Midyat ist der Hauptort des Tur Abdin, eines Kalksteingebirges am Oberlauf des Tigris, das sich im Südosten der Türkei erstreckt. Das Gebiet bildet eine markante Hochebene mit zerklüfteten Felsformationen.

Der Landkreis grenzt im Westen an Savur, im Norden an Ömerli, im Süden an Nusaybin und im Osten an Dargeçit. Darüber hinaus bestehen externe Grenzen zur Provinz Batman im Norden und zur Provinz Şırnak im Osten.

Die Stadt liegt auf rund 1000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Die Umgebung ist durch eine hügelige Kulturlandschaft geprägt, in der Getreideanbau, Olivenhaine, Weinberge und Mandelbäume dominieren. Das Klima ist kontinental geprägt mit heißen, trockenen Sommern und kalten Wintern; die Vegetation reicht von steppenartigen Flächen bis hin zu kleineren bewaldeten Arealen.

Midyat befindet sich im östlichen Zentrum der Provinz Mardin und bildet eine Übergangszone zwischen der anatolischen Hochebene im Westen und den Ebenen Mesopotamiens im Süden und Osten. Diese Lage machte die Stadt seit der Antike zu einem wichtigen Verbindungsort zwischen Anatolien und Mesopotamien.

Verkehrstechnisch ist Midyat durch die Nationalstraße D380 erschlossen, die von der Provinzhauptstadt Mardin über Midyat bis nach Cizre führt. Hier beginnt zudem die D 995, die in nördlicher Richtung in die Provinz Batman führt. Der nächste größere Grenzübergang nach Syrien liegt rund 51 Kilometer entfernt, die Provinzhauptstadt Mardin etwa 81 Kilometerwestlich. Über Şırnak und Silopi ist zudem der internationale Habur-Grenzübergang zum Irak erreichbar, der für Handel und Personenverkehr von überregionaler Bedeutung ist.

Die Anbindung an den Fernverkehr wird ergänzt durch regionale Busverbindungen sowie kleinere Landstraßen, die die umliegenden Dörfer mit der Stadt verbinden.

Blick über Neustadt und Altstadt

Etymologie

Der Name Midyat wird in der Forschung überwiegend mit dem altassyrischen Begriff Matiate[3][4] in Verbindung gebracht. Dieses Wort wird als „Stadt der Höhlen“ übersetzt und verweist auf die besonderen topographischen und siedlungsgeschichtlichen Gegebenheiten der Region.

Erste Hinweise finden sich in assyrischen Inschriften aus der Zeit des Königs Aššur-nâṣir-apli II. (883–859 v. Chr.), in denen Matiate erwähnt wird. Die Bezeichnung legt nahe, dass Midyat bereits in der frühen Eisenzeit ein Ort mit ausgedehnten unterirdischen Anlagen war, die als Rückzugs- oder Siedlungsräume genutzt wurden.

Eine eindrucksvolle Bestätigung dieser Namensherleitung ergab sich 2020 durch archäologische Funde: Bei Restaurierungsarbeiten im historischen Stadtkern von Midyat stießen Forscher auf den Eingang zu einer weitläufigen unterirdischen Anlage. Diese wird von Archäologen ebenfalls als Matiate bezeichnet. Nach bisherigen Grabungen konnten mehrere Dutzend Räume, Gänge und Schächte freigelegt werden, darunter Lagerräume, Zisternen, ein unterirdischer Versammlungs- oder Andachtsraum sowie Wohnbereiche.

Schätzungen zufolge könnte das gesamte Höhlensystem Platz für 60.000 bis 70.000 Menschen geboten haben. Damit zählt Matiate zu den größten bislang bekannten unterirdischen Städten Anatoliens. Archäologen gehen davon aus, dass die Anlage über viele Jahrhunderte hinweg genutzt wurde – sowohl in der Antike als auch in späteren Zeiten, etwa als Zufluchtsort in Phasen religiöser oder politischer Verfolgung.

Durch diese Entdeckung hat die Herleitung des Namens Midyat von Matiate neue Plausibilität gewonnen. Sie verbindet die sprachliche Tradition der altassyrischen Inschriften mit den materiellen Zeugnissen einer einzigartigen unterirdischen Siedlungskultur im Tur Abdin.

Gliederung

Die heutige Stadt Midyat besteht im Kern aus zwei historisch gewachsenen Teilen. Das eigentliche Midyat liegt im Osten und beherbergt den historischen Stadtkern mit zahlreichen Kirchen, Klöstern und traditionellen Steinhäusern. Dieser Teil war über Jahrhunderte das Wohngebiet der christlichen Bevölkerung. Im Westen entwickelte sich im 19. Jahrhundert die jüngere Ortschaft Estel, in der sich vor allem muslimische Familien, überwiegend Kurden, niederließen. Diese Zweiteilung ist bis heute im Stadtbild deutlich erkennbar.

Der Landkreis Midyat existierte bereits in der osmanischen Zeit als Teil des Vilâyet Mardin. Bei der ersten Volkszählung der Türkischen Republik im Jahr 1927 wurden im Landkreis 31.945 Einwohner in 133 Dörfern auf einer Fläche von 2.610 km² gezählt, davon 3.918 Personen in der Kreisstadt selbst.

Bis Ende 2012 bestand der Landkreis neben der Kreisstadt aus sechs Stadtgemeinden (Belediye): Acırlı, Çavuşlu, Gelinkaya, Şenköy, Söğütlü und Yolbaşı sowie 54 Dörfern (Köy). Im Zuge der landesweiten Verwaltungsreform von 2013/2014 wurden diese Gemeinden und Dörfer in Mahalle (Stadtviertel/Ortsteile) umgewandelt. Die zwölf bestehenden Mahalle der Kreisstadt blieben bestehen, während die 21 Mahalle der sechs ehemaligen Gemeinden jeweils zu einem Mahalle zusammengeführt wurden. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl auf 72 Mahalle, denen jeweils ein Muhtar (Ortsvorsteher) vorsteht.

Ende 2020 lebten im Durchschnitt rund 1.630 Personen in jedem Mahalle. Das bevölkerungsreichste war Bahçelievler Mahallesi mit 11.161 Einwohnern, gefolgt von Bağlar Mahallesi mit 10.474 Einwohnern.

Bevölkerung

Midyat war über viele Jahrhunderte ein bedeutendes Zentrum der syrisch-orthoxen Christen im Südosten der Türkei. Bis 1915 stellten sie die Bevölkerungsmehrheit. Der Völkermord an den Aramäern (Sayfo) führte zu massiven Verlusten und markierte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Region. Schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Zahl der Christen infolge von Diskriminierungen, wirtschaftlicher Benachteiligung und Auswanderung zurückgegangen.

Neben den Christen bildeten die Êzîden über viele Jahrhunderte eine zweite prägende Minderheit in den umliegenden Dörfern Midyats. Sie lebten überwiegend in ländlichen Siedlungen und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Historische Quellen berichten jedoch, dass Êzîden wiederholt Ziel von Gewalt und Verfolgung waren: Dörfer wurden gewaltsam übernommen, Frauen verschleppt, ihre Anführer ermordet und ganze Gemeinden zu Zwangskonversionen zum Islam gedrängt. Diese Übergriffe führten zu einer erheblichen Dezimierung der Gemeinschaft im Tur Abdin.

Trotz dieser Bedrohungen entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Êzîden und den Christen. Beide Gruppen waren religiöse Minderheiten, die immer wieder Verfolgung erlebten, und hielten daher oft eng zusammen. Es ist vielfach dokumentiert, dass sie sich in Krisenzeiten gegenseitig unterstützten und verteidigten, sei es beim Schutz ihrer Dörfer, bei Angriffen oder in alltäglicher Solidarität.

Noch in den 1960er Jahren lebten mehrere tausend Êzîden im Landkreis Midyat. Der Qantara-Artikel „Yazidis in Turkey: Old homeland, new homeland“ nennt für diese Zeit etwa 6.000 Êzîden in acht Dörfern rund um Midyat. Andere Schätzungen gehen für die 1970er/80er Jahre von bis zu 10.000–15.000 Êzîden allein im Kreis Midyat aus. Seit den 1980er Jahren setzte eine massive Auswanderung ein, vor allem nach Deutschland. Heute existieren nur noch wenige êzîdische Familien in einzelnen Dörfern, während die Mehrheit in der europäischen Diaspora lebt.

Bis in die 1970er Jahre galt Midyat gemeinsam mit dem Tur Abdin zudem als das größte christliche Siedlungsgebiet in der Türkei außerhalb Istanbuls. 1979 wurde der assyrische Bürgermeister von Dargeçit, Andreas Demir Lahdik, ermordet. Dieses Ereignis führte zu politischen Spannungen und beschleunigte die Auswanderung der christlichen Bevölkerung. Zugleich wanderten zahlreiche kurdische Familien aus nördlichen Regionen in den Landkreis ein, wodurch sich die Bevölkerungsstruktur weiter verschob.

In den 1980er und 1990er Jahren verschärfte der Konflikt zwischen der PKK und dem türkischen Staat die Lage. Die christliche Bevölkerung geriet zwischen die Fronten: Einerseits wurde sie vom Staat der Illoyalität verdächtigt, andererseits von der PKK beschuldigt, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Auch die verbliebenen Êzîden waren betroffen und verließen in dieser Zeit in großer Zahl ihre Siedlungen.

Von rund 50.000 Einwohnern im Jahr 1975 lebten nach Ende des bewaffneten Konflikts 1999 nur noch etwa 2.000 Christen in Midyat. Historischen Schätzungen zufolge bestand die Stadt bis in die frühen 1960er Jahre aus über 500 christlichen Familien, die mehr als 90 % der Bevölkerung stellten. Heute leben in Midyat nur noch etwa 120 christliche Familien, während die große Mehrheit der Bevölkerung Kurden sind (ca. 60.000, überwiegend zugezogen). Seit 2011 sind zusätzlich zwischen 100 und 300 christliche Flüchtlinge aus Syrien nach Midyat gekommen, die vor dem dortigen Bürgerkrieg flohen.

Der Anteil der syrisch-orthodoxen Christen an der Bevölkerung Midyats liegt heute bei rund 1 %. Die Zahl der Êzîden ist durch Verfolgung und Abwanderung seit den 1980er Jahren stark zurückgegangen. Dennoch gilt die Region bis heute sowohl für die syrisch-orthodoxe als auch für die êzîdische Diaspora in Europa als historisches Kerngebiet und identitätsstiftender Bezugspunkt.

Politik

Bürgermeister von Midyat ist seit 2012 Veysi Şahin von der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung); er wurde 2019 mit 57,93 % wiedergewählt. Im Kreis Midyat erzielte die AKP 52,59 %, die HDP (Demokratische Partei der Völker) 34,02 %, die Sertaç Alğaç 6,53 %, die Iyi Parti (Gute Partei) 1,7 %, die CHP (Republikanische Volkspartei) 1,4 % und die SAADET (Partei der Glückseligkeit) 1,39 %.[5]

Sehenswürdigkeiten

Die syrisch-orthodoxe Mor-Scharbel-Kirche
In der Altstadt

Im Jahr 2020 wurde bei Restaurierungsarbeiten in Midyat der Eingang zu einer bislang unbekannten unterirdischen Stadt entdeckt, die den Namen Matiate trägt. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass sie vermutlich über einen Zeitraum von mindestens 1.900 Jahren durchgehend bewohnt war. Nach bisherigen Schätzungen könnte die Anlage bis zu 70.000 Menschen Platz geboten haben und zählt damit zu den größten bislang bekannten unterirdischen Städten Anatoliens.[3][4]

Die Forscher entdeckten bislang mehrere Dutzend Räume, darunter Wohnbereiche, Lagerräume, eine Kirche sowie eine Synagoge. Die Anlage wird weiter erforscht, Teile sollen in Zukunft auch für den Tourismus zugänglich gemacht werden.

Midyat selbst war über Jahrhunderte ein religiöses Zentrum und beherbergt mehrere historische syrisch-orthodoxe Kirchen:

  • Mart Schmuni (7. Jahrhundert)
  • Mor Barsaumo (auch: Mor Bardsomo)
  • Mor Akhsnoyo (Mar Philoxenos Aksenaja, benannt nach dem hl. Philoxenos von Mabbug, 6. Jahrhundert)
  • Mor Scharbel

Diese Kirchen stehen heute weitgehend leer, da viele Angehörige ihrer Gemeinden in den vergangenen Jahrzehnten nach Europa ausgewandert sind.

Darüber hinaus existiert die protestantische Kirche Joldath Aloho (Marienkirche) aus dem 19. Jahrhundert.

Der Tur Abdin, zu dem Midyat gehört, gilt seit der Spätantike als ein wichtiges Zentrum des syrisch-orthodoxen Mönchtums. Zahlreiche Klöster in und um Midyat zeugen von dieser langen Tradition und sind bis heute bedeutende Zeugnisse des christlichen Erbes der Region.

  • In der Stadt selbst befindet sich das Kloster Mor Abrohom, das auch heute noch von Mönchen bewohnt wird.
  • In der näheren Umgebung stehen weitere bedeutende Sakralbauten, darunter das Kloster Dyro in Daslibo (Dersalib), die Kirche in Zaz (Izbirak) sowie die Klosterburg in Gülgöze (Aynwardo) mit der Kirche Mor Had Bschabo.
  • Etwa 20 km östlich von Midyat liegt das berühmte Kloster Mor Gabriel, das bedeutendste syrisch-orthodoxe Kloster des Tur Abdin und eines der ältesten Klöster der Welt.
  • Im Landkreis Midyat befinden sich außerdem die Orte Altıntaş (Keferze) und Anıtlı (Hah), die ebenfalls über mehrere alte Kirchen und Klöster verfügen.

Wappen

Am 5. März 2019 ließ der damalige AKP-Bürgermeister von Midyat, Veysi Şahin, das Stadtwappen ändern.[6] Dabei wurde das zuvor enthaltene êzîdische Symbol des Pfaus entfernt und stattdessen eine Moschee eingefügt, die laut Darstellung des Bürgermeisters einen jesidischen Tempel symbolisieren sollte. Nach öffentlichen Protesten, unter anderem durch die HDP wurde das Wappen am 22. Juli 2019 erneut überarbeitet und ein jesidischer Tempel in das Stadtwappen aufgenommen.[7]

Wappen der Stadt Midyat seit 22. Juli 2019.
Wappen der Stadt Midyat vom 5. März bis 22. Juli 2019.
Wappen der Stadt Midyat bis zum 4. März 2019.

Wirtschaft

Midyat ist vor allem für seine Telkari-Arbeiten bekannt – feine Silberschmiede- und Filigranschmiedekunst, die traditionell in Handarbeit hergestellt wird und weit über die Region hinaus geschätzt wird. Daneben spielt auch die Steinmetzkunst (lokal Katori oder Nahid genannt) eine wichtige Rolle, deren typische Bauweise das Stadtbild mit seinen charakteristischen Häusern und Kirchen prägt.

Der Landkreis ist darüber hinaus stark landwirtschaftlich geprägt. Angebaut werden Getreide, Oliven und Weintrauben. Besonderheiten sind der sogenannte Midyat-Bulgur, eine regionale Form des Getreideprodukts, sowie der aramäisch-assyrische Wein (Süryani şarabı), der eine lange Tradition im Tur Abdin hat und bis heute produziert wird.

Geschichte

Die syrisch-orthodoxe Mor-Barsaumo-Kirche, Midyat
Dreisprachiges Schild in der Altstadt

Antike und Frühzeit

Midyat liegt im Zentrum eines Kalksteinplateaus, dessen ländliche Landschaft 80 Dörfer mit über 100 Kirchen und 70 Klöstern umfasst. Die Region ist seit der assyrischen Zeit besiedelt und wurde von zahlreichen Reichen beherrscht, darunter Assyrer, Aramäer, Armenier, Meder, Mitanni, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Abbasiden, Seldschuken und Osmanen.

Bereits im 13. Jahrhundert v. Chr. wird Midyat in den assyrischen Annalen unter König Aššur-nâṣir-apli erwähnt:

„Ich habe mir Matiate (= Midyat) und seine Dörfer unterworfen; ich nahm von dort reiche Beute mit und legte ihnen Tribut und schwere Steuern auf.“[8]

Im 6. Jahrhundert v. Chr. war Midyat Teil des Achämenidenreiches; 330 v. Chr. wurde es von Alexander dem Großen erobert. Ab 320 v. Chr. gehörte es bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. zum Seleukidenreich, anschließend wurde es Grenzgebiet des Partherreiches und ab 193 n. Chr. Teil der römischen Provinz Mesopotamia. Nach späteren Überlieferungen sollen bereits im 1. Jahrhundert die Apostel Thomas und Thaddäus die Region missioniert haben.

Mittelalter

640 lösten die Araber unter den Umayyaden das Byzantinische Reich ab; 750 übernahmen die Abbasiden die Macht. Unter Kalif Harun ar-Raschid erlebte die Region einen Wiederaufbau von Dörfern und Gebäuden.

1101 fiel das Gebiet an die Ortoqiden, die bis 1409 herrschten, zeitweise als Vasallen der Ilchane.[9] 1402 verwüsteten die Mongolen unter Timur die Region. Ab 1451 wechselte die Herrschaft zwischen den Aq Qoyunlu („Weiße Hammel“) und den Qara Qoyunlu („Schwarze Hammel“).

Seit 1478 ist Midyat Sitz eines syrisch-orthodoxen Bischofs. 1507 eroberte Schah Ismail I. die Region, verlor sie aber 1514 nach der Schlacht bei Tschaldiran an die Osmanen, die bis 1923 herrschten.

Osmanische Zeit und 19. Jahrhundert

1810 wurde der Kreis Midyat gebildet, 1890 erhielt der Ort den Status einer Stadt. Neben Christen lebten in dieser Zeit auch zahlreiche Êzîden in den umliegenden Dörfern. Sie bildeten eine bedeutende Bevölkerungsgruppe des Landkreises, waren jedoch wiederholt Ziel von Diskriminierung, Überfällen und Zwangskonversionen zum Islam. Christliche und Êzîdische Dörfer wurden teils gewaltsam übernommen, ihre Anführer ermordet oder verschleppt.

1855 ließ der kurdisch-muslimische Stammesführer Êzdîn Şêr die Region verwüsten. Ziel der Angriffe war in erster Linie die Zwangsislamisierung der nichtmuslimischen Bevölkerung, daneben auch die Erhebung von Beute und Tributzahlungen. Dabei wurden Ernten niedergebrannt, zahlreiche Männer und Knaben ermordet sowie christliche und êzîdische Frauen und Kinder verschleppt, zwangsverheiratet und/oder in die Sklaverei verkauft.

Rund zwei Jahrzehnte später kam es zu erneuten Übergriffen: Anfang 1877 eroberte der kurdisch-muslimische Stammesführer Badr Khan Mardin, Midyat und Nusaybin und rief ein kurdisches Emirat aus. Erst acht Monate später gelang es der osmanischen Armee sie wieder zu vertreiben.[10]

Nach den Pogromen gegen Armenier im Osmanischen Reich 1894–1896 (den sogenannten Hamidischen Massakern) nahmen unter Sultan Abdülhamid II. die Repressionen gegen die nichtmuslimische Bevölkerung Midyats deutlich zu. Der Sultan stellte kurdische Reiterverbände auf, die sogenannten Hamidiye-Alayları (Hamidiye-Kavallerie), deren Aufgabe offiziell die Kontrolle der nichtmuslimischen Gebiete im Südosten Anatoliens war. Da diese Einheiten ausschließlich dem Sultan unterstanden, agierten sie weitgehend ohne Kontrolle und nutzten ihre Stellung häufig für Gewaltakte, Einschüchterungen und Schikanen gegenüber der nichtmuslimischen Bevölkerung der Region.

1913 berichtete der syrisch-orthodoxe Geistliche Isaac Armalto, dass Midyat zu dieser Zeit zwischen 6.000 und 7.000 Einwohner zählte. Die Mehrheit stellten syrisch-orthodoxe Christen; daneben lebten dort etwa 80 protestantische Familien, 30 syrisch-katholische, chaldäische und armenische Familien sowie rund 50 muslimische Familien.[11]

20. Jahrhundert

1913 berichtete der syrisch-orthodoxe Geistliche Isaac Armalto, dass Midyat zu dieser Zeit rund 6.000–7.000 Einwohner hatte, überwiegend syrisch-orthodoxe Christen, daneben protestantische, syrisch-katholische, chaldäische und armenische Familien sowie etwa 50 muslimische Familien.

Im Juli 1914 verhängte die osmanische Regierung die Mobilmachung (Safarbarlık). Am 6. Juli 1915 griffen kurdische Kavallerieverbände gemeinsam mit der osmanischen Armee Midyat an, wobei zahlreiche Christen ermordet und die Stadt geplündert wurde.[12] Viele flohen nach Syrien und in den Libanon. Auch die Êzîden, die sich im Umland befanden, litten unter den Folgen von Krieg, Enteignungen und zunehmender Auswanderung.

Nach 1930 wurde Midyat mit Häusern und Kirchen wiederaufgebaut. Die Zahl der Christen stieg zunächst leicht an, sank jedoch in den folgenden Jahrzehnten erneut, während auch viele Êzîden aus der Region besonders in den 1980er Jahren nach Europa auswanderten.

Archäologische Entdeckung Matiate

Im Jahr 2020 entdeckten Archäologen in Midyat den Zugang zu einer weitläufigen unterirdischen Felsbaustadt, die den antiken Namen Matiate trägt. Funde lassen auf eine Nutzung bereits im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. schließen. Archäologen schätzen, dass die Anlage über fast 1.900 Jahre hinweg bewohnt war und bis zu 60.000–70.000 Menschen Platz geboten haben könnte. Matiate gilt damit als größer als alle bislang bekannten Höhlenstädte Anatoliens, darunter Kaymaklı und Derinkuyu in Kappadokien.

Klima

Midyat weist ein semiarides Klima auf, das durch sehr heiße und trockene Sommer sowie feuchte, teilweise schneereiche Winter geprägt ist. Zwischen Dezember und März kommt es regelmäßig zu Schneefällen, die meist ein bis zwei Wochen anhalten; in dieser Zeit können die Temperaturen auf bis zu −10 °C sinken.

Die Sommermonate Juli und August sind mit einem mittleren Tageswert von etwa 30 °C die heißesten des Jahres. Die bislang höchste gemessene Temperatur beträgt 48,8 °C. Mit über 3.000 Sonnenstunden jährlich zählt Midyat zu den sonnenreichsten Regionen der Türkei.

Monatliche Durchschnittswerte für Midyat
JanFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDez
Mittl. Temperatur (°C)3,14,18,213,719,725,830,029,625,21,67,72,714,3
Mittl. Tagesmax. (°C)6,17,512,017,724,230,935,334,930,423,114,48,220,5
Mittl. Tagesmin. (°C)0,61,34,79,915,120,224,624,620,614,67,72,712,3
Niederschlag (mm)99,8110,794,675,537,78,33,31,24,133,368,7104,2Σ641,4
Regentage (d)10,610,610,79,96,61,70,50,20,75,37,410,2Σ74,4
Quelle: Devlet Meteoroloji İşleri Genel Müdürlüğü

[13]

Persönlichkeiten

  • Gabriel Asaad (1907–1997), assyrischer Musiker
  • Emanuel Aydin (* 1947), syrisch-orthodoxer Chorepiskopos
  • Yusuf Çetin (* 1954), syrisch-orthodoxer Metropolit und Patriarchalvikar
  • Ali Atalan (* 1968), deutsch-türkischer Politiker
  • Hatune Dogan (* 1970), syrisch-orthodoxe Klosterschwester und Philanthropin
  • David Erkalp (* 1974), deutsch-türkischer Politiker (CDU)
  • Azzi Memo (* 1994), deutscher Rapper
Commons: Midyat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Midyat Nüfusu, Mardin, abgerufen am 27. Mai 2021
  2. Die Leiden der Knechte Gottes. 30. Januar 2019, abgerufen am 13. Juni 2025.
  3. a b Türkei: Archäologen entdecken riesige Untergrundstadt Matiate in Midyat. In: Der Spiegel. 26. April 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 26. April 2022]).
  4. a b Anadolu Agency: Excavations reveal huge underground city in Turkey’s Mardin. 19. April 2022, abgerufen am 26. April 2022 (amerikanisches Englisch).
  5. hurriyet vom 31. März 2019; https://www.hurriyetdailynews.com/secim/31-mart-2019-yerel-secimleri/midyat-mardin-secim-sonuclari
  6. HDP'den Midyat logosu için özür. Abgerufen am 5. Juli 2019 (türkisch).
  7. Midyat Belediyesi Ezidilerin talebini kabul etti: Logoda Laleşa Nurani yer alıyor. 22. Juli 2019, abgerufen am 23. Juli 2019 (türkisch).
  8. @1@2Vorlage:Toter Link/www.stephanus-gt.comSyrisch-Orthodoxe Kirchen von Antiochien e. V. (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2021. Suche in Webarchiven)
  9. Ed. Morris Rossabi: China among equals: the Middle Kingdom and its neighbors, 10th-14th centuries, S. 244
  10. David Gaunt, Naures Atto und Soner Bathoma: Let them not return - the genocide against the Assyrian, Syriac and Chaledean Christians in the Ottoman Empire; Berghahn, New York und Oxford, 2017, ISBN 978-1-78533-498-6; S. 60f
  11. Tfindji, J.: „L’ eglise Chaldéenne Catholique“, in Annuaire Pontifical Catholic, No. 17, 1914, S. 511
  12. The fall of Mëdyad/Midyat in the time of Sayfo 1914-15, Jan Bet-Şawoce, in: Parole de l’Orient 31, (2006), 269–277.
  13. Archivlink:Devlet Meteoroloji İşleri Genel Müdürlüğü (Memento vom 20. September 2010 im Internet Archive)

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Die syrisch-orthodoxe Mor-Barsaumo-Kirche (auch Mor-Barsomo-Kirche).