Menschenopfer

Als Menschenopfer bezeichnet die Religionswissenschaft die rituelle Tötung von Menschen als Gabe für eine Gottheit im Rahmen von Kulten und Religionen. Das Töten, gegebenenfalls auch als Selbstopfer, und der Umgang mit dem Leichnam gehören dabei zur Kulthandlung.[1] Solche Darbringungsrituale wurden ähnlich wie Tieropfer vollzogen, waren in der jeweiligen Religion und Kultur allgemein akzeptiert und galten nicht als rechtswidrig.[2]
Umgangssprachlich werden auch rituelle Hinrichtungen, etwa von Normbrechern und sogenannten Hexen, mitunter als Menschenopfer bezeichnet.
Kultische Menschenopfer gab es eventuell schon seit dem Paläolithikum, vermehrt in von Ackerbau und Viehzucht geprägten Gesellschaften des Neolithikums. Sie kamen dort jedoch empirisch weit seltener als Sach- und Tieropfer vor. Sie hatten verschiedene Motive und Zwecke: etwa als Bittopfer in besonderen Notlagen, um den Willen einer Gottheit zu beeinflussen oder zu erkunden, als Bauopfer, Dankopfer (etwa durch Tötung besiegter Gegner), Totenfolge oder Sühne für schwere religiöse Vergehen. Mancherorts waren sie mit Kannibalismus verbunden.[3] Sie wurden seit der Antike literarisch fremden Völkern nachgesagt und kritisch erörtert. Im Judentum wurden sie früh streng verboten.
Menschenopfer werden offiziell in keinem Land mehr geduldet, sondern als Ritualmorde eingestuft und entsprechend strafverfolgt.
Frühe Belege und Verbreitung
Aus dem Mittelpaläolithikum (ab 300.000 bis 45.000 v. Chr.) stammen einzeln deponierte Schädel mit schweren Verletzungsspuren und erweiterten Hinterhauptlöchern, die eine rituelle Tötung vermuten lassen. Manche dieser seltenen Knochenfunde zeigen Gewaltspuren, die auf Kannibalismus hinweisen könnten. Jedoch ist für diese Frühzeit kaum nachweisbar, dass rituell getötete Menschen tatsächlich verzehrt wurden und diese Anthropophagie Teil eines Opferkults war.[4]
Erst in frühen Hochkulturen kamen Menschenopfer häufiger vor, meist als Totenfolge bei der Bestattung eines Herrschers oder Oberpriesters, um diesem im Jenseits zu dienen.[5]
Schriftliche Zeugnisse zu Menschenopfern sind weit verbreitet, sollten aber oft Religion und Kultur der jeweiligen Eroberer, Kolonialherrscher und Missionare durchsetzen oder sogar Völkermorde rechtfertigen. Dazu werteten sie den Glauben besiegter Völker ab und diffamierten ihre Kultur als blutrünstig und grausam. Dies geschah besonders in der Religions- und Kolonialgeschichte Europas seit der Antike öfter. Solche Darstellungen gelten daher nicht als zuverlässige Belege.[6]
Afrika
Altes Ägypten
Im Alten Ägypten waren staatliche Menschenopfer als Totenfolge beim Begräbnis der Herrscher in der 1. und 2. Dynastie (ca. 3032–2707 v. Chr.) wahrscheinlich üblich. Dies schließt man aus einheitlich gebauten Gräberreihen für Nebenbestattungen in der Nekropole Umm el-Qaab bei den Grabanlagen von Pharaonen in Abydos, später auch in Sakkara. In diesen Gräbern fanden sich Skelettreste meist junger Männer. Man nimmt an, dass sie als Diener gestorbener Herrscher geopfert und mit diesen bestattet wurden.[7] Diese Totenfolgepraxis endete wohl um 2760 v. Chr., da die Gräber der Pharaonen Peribsen und Chasechemui keine Nebengräber mehr hatten.[8]
Epigrafisch dokumentiert sind zudem zeremonielle Opferungen von besiegten Feinden des Pharaos. Deren Verfolgung, Bestrafung und Vernichtung gehörte im Alten Ägypten zu seinen Amtspflichten.[5]
Nubien
In Nubien sind Menschenopfer als Totenfolge bei Königsbestattungen in zwei Perioden zuverlässig bezeugt. In der Kerma-Kultur (bis etwa 1550 v. Chr.) wurden viele Gefolgsleute mit ihrem Herrscher bestattet. In den Königsgräbern in Kerma fanden sich hunderte Leichen.[9] Diese Sitte verschwand mit dem Untergang dieser Kultur. Sie ist erst wieder von etwa 300 bis 600 n. Chr. in Ballana und Qustul belegt. Dort fand man große Grabhügel, die zum Teil unternubischen Königen gehörten. Auch damals wurden Gefolgsleute getötet und mitbestattet.[10]
Subsahara-Afrika
In Subsahara-Afrika unterscheiden Forscher als Gabe an Gottheiten verstandene Menschenopfer von heute sogenannten Medizinmorden für Körperteile von Menschen, denen eine vitale, heilende Kraft zugeschrieben wird. Beide Formen ritueller Tötungen folgen aus einem Glauben an übernatürliche Kräfte in oder hinter der Natur, die man durch okkulte, magische Rituale direkt oder indirekt beeinflussen könne. Grundmuster dieses Glaubens vieler historischer subsaharischer Völker ähnelten sich.[11]
Rituelle Tötungen für die Fruchtbarkeit des Landes oder zum Beenden einer Dürre haben Anthropologen etwa bei den Kuria,[12] in Benin, Botswana und Tansania festgestellt. Regenmacher benutzten rituell auch menschliches Blut.[13]
Durch okkulte Medizin motivierte Ritualmorde gab es noch bis 2013 an Albinos in Tansania,[14] bis 2007 bei den Muti,[15] bis etwa 1960 auch bei den Tiv in Nigeria. Dort wurden nach einer Untersuchung von Paul Bohannan (1957/1960) manchmal männliche Verwandte der Stammesältesten rituell getötet, begraben, wieder ausgegraben und vor Fetischen symbolisch erneut geopfert, um die geglaubte heilbringende Substanz des tsav wirksam zu erhalten.[16]
In der Religion der Yoruba in Nigeria sollen den Orisha-Gottheiten früher auch Menschen geopfert worden sein,[17] eventuell noch bis etwa 1950.[18]
Im Aschantireich und in Buganda gab es Totenfolge-Opfer.[17] In Uganda wurden zum Teil Kinder als Bauopfer dargebracht.[19]
Amerika
Nordamerika
In der Stadt Cahokia, dem Zentrum der Mississippi-Kultur, wurden zwischen 900 und 1200 rund 120 große Grabhügel künstlich aufgeschichtet. In einem davon fand man die kostbar geschmückte, in ein Muschellager gelegte, mit reichen Beigaben versehene Leiche eines „Vogelmannes“ sowie mehr als 250 Leichen um ihn herum, meist mit von hinten eingeschlagenen Schädeln. Die wenigen Männer darunter hatte man zuvor schwer misshandelt; es waren wahrscheinlich Sklaven oder Kriegsgefangene anderer Ethnien. Die meisten waren gesunde, junge Frauen aus Cahokia selbst. Man nimmt an, dass sie geopfert wurden, eventuell als weibliche Verwandte des verstorbenen Herrschers, um andere Thronerben auszuschließen. Das Volk der Natchez opferte die engeren Angehörigen und den Hofstaat des Herrschers.[20]
Die Pawnee opferten ab und zu ein Mädchen aus einem anderen Stamm, um die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu sichern. Bekannt wurde ihr Ritual im April 1838: Damals wurde ein junges Mädchen geschmückt durchs Dorf geführt und empfing an jedem Wigwam ein Geschenk. Am Opferplatz wurde es mit roter und schwarzer Farbe bemalt und gefesselt. Dann wurde es in brennender Glut zu Tode geröstet und zugleich mit Pfeilen beschossen, um viel Blut fließen zu lassen.[21] Anlass des Rituals soll ein Traum eines Kriegers gewesen sein. Man vermutet, dass die Pawnee das Ritual aus Mexiko übernahmen, da Bilder von dort eine ähnliche Opfermethode zeigen.[22]
Mittelamerika

In den alten Kulturen Mittelamerikas sind Menschenopfer ikonografisch, epigrafisch und paläografisch bereits früh und vielfältig belegt.[23] Dies bestätigten unter anderem viele Skelettfunde mit Opfermerkmalen in Teotihuacan, etwa im Mondtempel der Göttin Quetzalcoatl.[24] Ausmaß, Methoden, Zwecke und gesellschaftliche Bedeutung dieser Opfer werden in der Forschung stark diskutiert.
In der Maya-Zivilisation (ab etwa 1500 v. Chr.) waren sie zwar fester Teil des Kults, wurden aber relativ selten und nur zu besonderen Anlässen vollzogen, etwa zur Tempeleinweihung, bei Orakelbefragungen, in Notzeiten (Dürren, Hungersnöten etc.) oder zum Dank für militärische Erfolge.[25]
Im Kultzentrum Chichén Itzá aus der Spätzeit der Maya (700–1100) sind Menschenopfer als religiöse Kunst dargestellt, etwa als Reliefs von Gefangenen, denen das Herz herausgeschnitten wird, von Kriegern oder Ballspielern, die Schädel als Trophäen hochhalten, oder Schädeln in großen Bällen am Ballspielplatz. Manche Inschriften verbinden diese Spiele eventuell mit Enthauptungen und Feuerritualen. Das Tzompantli zeigt Reliefs menschlicher Schädel, wie sie auch auf anderen Opferplätzen ausgestellt wurden. Wandbilder im Kriegertempel und Jaguartempel der Anlage zeigen das Opfer von Menschenherzen. Stehende Figuren mit Totenschädeln stellen Götter dar, deren Verhältnis zu den Menschenopfern unklar ist. Im Cenote (Opferbrunnen) der Anlage wurden etliche Skelette gefunden, darunter ein als Behälter zum Feueranzünden benutzter Schädel.[26] Laut DNA-Analysen von 64 Skelettresten aus dem Opferbrunnen wurden dort vor allem Jungen und junge Männer geopfert, oft Brüder und eineiige Zwillinge.[27]
Nach Maya-Legenden im Popol Vuh, Reliefs an Maya-Spielfeldern in El Tajín und Bilbao und dem Codex Borbonicus wurde beim traditionellen Ballspiel Ulama, das als Kampf zwischen Licht und Finsternis auf Leben und Tod verstanden wurde, ein Spieler geköpft.[28] Nach weiteren ikonografischen Belegen wurde das ganze Verliererteam geopfert, um den Kosmos zu erneuern.[29]
Die Azteken hatten 1428 einen Dreistädtebund gebildet, der bis 1500 zur dominierenden Macht Mittelamerikas aufstieg. Folglich deuteten sie ihren Stammesgott Huitzilopochtli bis etwa 1450 zu einem Kriegsgott um. Bis zur Ankunft der Conquistadores (1519) entfaltete sich der Opferkult der Azteken stark, um das viele Völker umfassende Aztekenreich zusammenzuhalten.[30] Nach ihrem Glauben mussten dem Hauptgott zum Erhalt des Kosmos und des täglichen Sonnenaufgangs viele Opfer gebracht werden, darunter die als besonders wertvoll geltenden Menschenherzen.[31]
Nach einem zeitgenössischen spanischen Bericht verlief das Opfer auf der Tempelpyramide der Hauptstadt Tenochtitlan wie folgt: Priester schnitten einem auf einen Steinaltar gefesselten lebenden Menschen das Herz mit einem Messer aus Obsidian heraus, hielten es der Sonne entgegen, verbrannten es dann in einer Adlerschale und bestrichen Götterbilder mit dem Blut. Leib und Eingeweide der Getöteten warf man Raubtieren zum Fraß vor. Einige der Opfer waren gefangene Spanier.[32] Nach dem Kodex Telleriano-Remensis opferten die Azteken im Jahr 1487 zur Einweihung des Templo Mayor in vier Tagen und vier Nächten 20.000 Menschen und verzehrten deren Arme und Beine rituell. Während Peter Hassler den Bericht 1992 als maßlos übertrieben oder als Fehldeutung symbolischer Opferhandlungen einstufte,[33] bezweifelte Hanns J. Prem nur die Opferzahl, nicht das Ereignis.[34] Man hält von 4.000 bis zu 20.000 Opfer an jenem Tag für möglich.[35]
Beim 14-tägigen Ochpaniztli, einem Jahresfest des Azteken-Kalenders zu Ehren der Urmuttergöttin Coatlicue (Toci), stellte eine junge Frau die Göttin dar und wurde zuletzt geopfert. Ein junger Mann trug ihre Haut und führte vier Gefangene zum großen Tempel, wo sie und viele weitere lebendig geopfert wurden.[36] Beim dreiwöchigen Frühjahrsfest Tlacaxipenaliztli für den Fruchtbarkeitsgott Xipe Totec sollen alle Kriegsgefangenen, auch Frauen und Kinder, massenhaft geopfert und gehäutet worden sein.[37]
Tendenziöse spanische Berichte, etwa von Juan Ginés de Sepúlveda, dämonisierten die Opferrituale der Azteken, prägten das Bild der mittelamerikanischen Kulturen und rechtfertigten ihre Zerstörung. Dagegen spielte Bartolomé de Las Casas Menge und Grausamkeit der aztekischen Menschenopfer herunter und deutete sie als altruistische Hingabe analog zum christlichen Selbstopfer.[38] Doch seit 2000 bestätigten neue archäologische Funde viele Details der spanischen Erstberichte.
Eine runde Steinplatte am Fuß der Pyramide bildet die zerfetzte Mondgöttin Coyolxauhqui ohne Kopf und mit aus dem Hals züngelnden Schlangen (herausschießendem Blut) ab: Demnach sollte das Zerstückeln, Köpfen und Hinabwerfen der geopferten Körper den mythischen Sturz der Mondgöttin durch Huitzilopochtli abbilden. Auch die Vorbereitung der Opfer durch rituelle Bäder und Kostümierung mit Federn, Papierschlangen oder Fellen wurden erwiesen. Bezweifelt wurden nur die Methode, mit der man ihr Herz herausschnitt, und der Kannibalismus. Diesen bezeugt auch die Crónica Mexicana von 1598. Demnach verhaftete eine aztekische Religionspolizei gezielt Rebellen, „um sie zu verbrennen und zu essen“.[34]
Die meisten Opfer waren Kriegsgefangene, die die Azteken bei ihren vielen Kriegszügen (genannt Blumenkriege) erbeuteten. Man fing sie in Massen, um sie den Göttern zu opfern, so im eigenen mythischen Glaubenssystem das Leben des Kosmos zu erneuern und zugleich die besiegten Völker zu unterwerfen und niederzuhalten.[39] Auch spanische Soldaten waren unter den Opfern. In Zultepec fand man Skelettreste von etwa 550 Menschen mit Spuren ritueller Opferung und Anthropophagie. Der Fund bestätigte spanische Berichte von 1520, wonach Azteken aus Texcoco den Tross des Eroberers Pánfilo de Narváez gefangen und die Gefangenen in Zultepec über Monate hinweg geopfert und verspeist hatten.[40]
Bei Ausgrabungen in Tenochtitlan fand man bis 2003 in der Hauptpyramide 60 Menschenschädel, die mit Obsidianbeilen abgehackt worden waren. In der Kapelle des Wettergotts Tlaloc lagen 42 Skelette von vier- bis siebenjährigen Kindern. Man vermutet, dass sie bei einer Dürre geopfert wurden. Ferner fand man im Tempelbezirk verkohlte Knochen, vermutlich von Priestern, und zertrümmerte Frauenleichen.[34] Früher schätzte man, dass in der Blütezeit des dortigen Kults bis zu 15.000 Menschen pro Jahr dafür geopfert wurden.[41] Seit 2018, als das Tzompantli des großen Tempels ausgegraben wurde, schätzt man die Opferzahl wegen hunderter Schädelfunde und der Ausmaße des Opfergestells auf einige Tausend pro Jahr.[42]
Südamerika
Auch in Südamerikas Anden-Region waren Menschenopfer früh verbreitet. Sie sind schon für die ältere Moche-Kultur nachgewiesen, etwa durch Grabfunde auf den Chincha-Inseln. Geopfert wurden meist Kriegsgefangene oder Verlierer ritueller Kämpfe. Die späteren Inka vollzogen Menschenopfer jedoch nicht regelmäßig und meist als Totenfolge.[43]
In ihrem früheren Herrschaftsbereich fand man seit 1954 öfter einzelne Mumien von geopferten Kindern, so fünfmal in Argentinien, einmal in Chile, einmal im Krater des Ampato-Vulkans in Peru. Dort fand man 1995 die gut erhaltene Mumie eines Mädchens (in Berichten „Juanita“ genannt), das um 1500 als gesunde 14-Jährige geopfert worden war. Auf dem Gipfel des Vulkans Llullaillaco fand man 1999 drei weitere, bestens erhaltene Mumien mit hunderten wertvollen Grabbeigaben: eine beim Tod 13-Jährige, ein fünfjähriges Mädchen und einen fünfjährigen Jungen. Sie waren wochenlang mit Mais, Lamafleisch, Kokain, Chicha und Alkoholgetränken ernährt worden. Zuletzt waren sie mit einer hohen Drogendosis betäubt und dann lebendig begraben worden. Sie waren bewusstlos im Grab erfroren.[44]
2017 fand man bei Trujillo (Peru) 140 Skelette von fünf bis 14 Jahre alten Jungen und Mädchen mit aufgetrennten Brustkörben, zusammen mit 200 Lamaskeletten. Allen war offenbar das Herz herausgeschnitten worden. Das Massenopfer erfolgte um 1470 bei Chan Chan, der damaligen Hauptstadt des Chimú-Reiches, eventuell als Versuch, eine Überschwemmung der Metropole aufzuhalten.[45]
Bei den Aymara-Indianern im Bergland Perus sollen noch 1989 Menschen auf Hochaltären geopfert worden sein.[46]
Ozeanien
Nach einer vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie durchgeführten umfassenden Studie waren Menschenopfer in mindestens 40 von 93 historischen Kulturen des pazifisch-austronesischen Raums (Australien und Ozeanien, unter anderem mit Taiwan, Indonesien, Melanesien, Mikronesien, Polynesien, Neuguinea, Neuseeland, Osterinsel, Hawaii) üblich. Anlässe waren etwa das Begräbnis eines Anführers, die Einweihung eines Boots oder Gebäudes oder die Bestrafung von Norm- und Tabubrüchen. Die Initiatoren gehörten meist zu den Machthabern, die Opfer waren meist Sklaven oder andere Unterschichtsangehörige. Stark hierarchische Kulturen übten besonders oft Menschenopfer. Sie dienten zur sozialen Kontrolle, indem sie die Macht der Priester und Häuptlinge über Leben und Tod demonstrierten, deren Rolle als Abgesandte der Götter stärkten und das Opfer übernatürlich rechtfertigten. Historisch leiteten sie oft die Entwicklung zu einer hierarchisch geschichteten Gesellschaft ein, etablierten soziale Klassenunterschiede und hielten diese aufrecht.[47]
Asien
China
Im Chinesischen Altertum ab etwa 3000 v. Chr. opferten Beamte der jeweiligen Herrscher den Flussgottheiten des Huang-He, an die die Landbevölkerung glaubte, nach akribisch festgelegten Ritualen junge Männer und Frauen. Das sollte die als Zorn der Götter verstandenen regelmäßigen Überschwemmungen verhindern, durch die tausende Bewohner der Uferregionen ertranken.[48]
In der Shang-Dynastie (1766–1080 v. Chr.) mussten jeweils Dutzende Diener und Konkubinen den Königen ins Grab folgen. In der Zeit der späten Zhou-Dynastie sind diese Bräuche nur noch vereinzelt belegt.[49][50]
In Königsgräbern von Yinxu liegen geschätzt mehr als 13.000 geköpfte und verstümmelte junge männliche Tote aus den letzten 200 Jahren der Shang-Dynastie (1200–1000 v. Chr.). Sie waren wahrscheinlich Kriegsgefangene aus entfernten Regionen, die jahrelang als Arbeitssklaven interniert, nur mit Hirse ernährt und bei Bedarf in Gruppen geopfert wurden. Dies bestätigen damalige Grafiken, wonach der König bei günstigen Orakeln Adligen und Vasallen Menschenopfer für verschiedene Gottheiten erlaubte. Darunter waren auch aufwändig bestattete Vertraute oder Angehörige des Königs. Mit den Menschenopfern festigte die Oberschicht ihre Macht und hierarchische Gesellschaftsordnung.[51]
Indien
In der Veda (800–500 v. Chr.) fordern das Vajasaneyi-Samhita und das Shatapatha-Brahmana im Kontext detaillierter Ritualregeln neben Tieropfern auch Menschenopfer (auf Sanskrit purushamedha). Henry Thomas Colebrooke machte diese Texte 1805 in Europa bekannt und deutete sie als symbolische Zeremonien. Er folgerte das aus der Anweisung, 184 Männer aller Stämme, Charaktere und Berufe an elf Pfosten zu fesseln, aber nach einer Opferhymne unverletzt freizulassen und statt ihrer Butteroblaten zu opfern. Seitdem wird Colbrookes These in der Indologie diskutiert. Éric Pirart folgte ihr 1996: Menschenopfer bei alten indogermanischen Stämmen seien offenbar nur fiktiv; das vedische Ritual dazu ahme das im selben Kontext geforderte Pferdeopfer nach. Auch er stützte sich dazu auf die Freigabe der schon geweihten Männer. Dagegen versuchte Asko Parpola textimmanent ohne Bezug auf archäologische Belege nachzuweisen, dass die Veden an einen früheren realen Menschenopferkult erinnern, den sie abmilderten und umwandelten.[52]
Dazu trug das Prinzip des Nichttötens und Nichtverletzens (Ahimsa) bei, das ab etwa 900 v. Chr. im Hinduismus auftauchte. Es sollte die Gewalt in religiösen Riten neutralisieren und entsakralisieren. Im späteren Jainismus und Buddhismus wurde es zur Grundforderung für das ganze Leben.[53] Die wenigen späteren Erzählungen von Menschenopfern, etwa in einem buddhistischen Jataka, gelten alle als Legenden und Fantasien.[54]
Das Kalika Purana für Durga (eine Inkarnation der Göttin Kali) listet die ihr genehmen Opfer auf, darunter neben etlichen Tierarten auch den Menschen und das eigene Körperblut des Gläubigen. Erstere sättigten die Göttin nur einen Monat, letztere dagegen 1000 Jahre lang.[55]
Im Kalighat-Tempel in Kolkata wurde laut dem Indologen Heinrich Zimmer noch bis etwa 1830 jährlich ein Freiwilliger enthauptet und zum Teil rituell verspeist. Als sich keine Freiwilligen mehr meldeten, ließ ein Raja Menschen für das Opfer jagen. 1832 besetzten die Briten sein Gebiet, beendeten die Menschenjagd und verboten die Menschenopfer für Kali. Diese wurden durch massenhafte Tieropfer zum jährlichen Wallfahrtsfest Durga Puja ersetzt.[56]
Bei einer blutigen Strafexpedition nach Ostindien gegen indische Steuerverweigerer um 1830 erfuhr die Britische Ostindien-Kompanie von traditionellen religiösen Kinderopfern der um Odisha lebenden Kondh. Ab 1836 versuchten britische Beamte und Missionare erfolglos, diesen Kult zu unterdrücken. Dies gelang erst dem 1845 eingesetzten Samuel Charteris Macpherson bis etwa 1865. Er benutzte dazu eine Hilfstruppe der Kondh, ließ viele Kondh hinrichten und ihre Dörfer niederbrennen. Bei diesem Feldzug wurde die Region noch stärker kolonisiert.[57]
2006 rechtfertigte ein Inder in Delhi seinen Ritualmord an seinem Sohn mit einem Befehl der Todesgöttin Kali, den er im Traum erhalten habe. Laut indischen Medienberichten wurden bis mindestens 2008 auch in indischen Großstädten öfter Kinder entführt, um sie rituell zu opfern.[58]
Europäer bezeugten seit 1500 immer wieder die in Teilen Indiens und auf Java üblichen Witwenverbrennungen bei der Bestattung hochstehender Ehegatten.[59] Sie sind vielfach nachgewiesen.[60] Sie wurden 1830 in Britisch-Indien verboten, blieben mancherorts jedoch auch nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft (1947) üblich. Ein Witwenopfer wurde 1987 registriert,[61] ein weiteres 2008 im Bundesstaat Chhattisgarh.[62]
Japan
In Japan überliefern viele vorneuzeitliche Legenden Menschenopfer. 1925 fand man 21 vollständige Skelette von 20- bis 30-jährigen Männern und Frauen in aufrechter Sitzhaltung am Fuß von Stützpfeilern der Burg Edo in Chiyoda (Alt-Tokio), die offenbar lebend und rituell mit Kaisermünzen begraben worden waren. Der Fund löste eine breite Debatte zu möglichen Bauopfern (hitobashira) in der Sengoku-Zeit (ab etwa 1470) und der folgenden Edo-Zeit (ab 1600) aus. Japanische Ethnologen, die einen damaligen Opferbrauch für möglich hielten, führten ihn auf chinesische Flussopfer zurück, die die Ainu übernommen hätten. Unter Kaiser Nintoku habe man diese Opfer durch Grabwachen, später durch Figurinen-Opfer ersetzt. Andere führten die Bauopfer auf Aberglauben zurück, der in der Meiji-Zeit (ab 1868) abgeschafft worden sei. Die, die japanische Menschenopfer bestritten, deuteten die Legenden dazu als symbolischen Ausdruck anderer Sachverhalte, etwa des bei den Ainu üblichen Frauenraubs.[63]
Laut der chinesischen Chronik Wèi Zhì (297 n. Chr.) zwang man beim Tod der Priesterkönigin Himiko mehr als hundert Gefolgsleute zur Totenfolge. Nach dem Nihon shoki (720) mussten die Vasallen dem Bruder von Suinin in den Tod folgen, indem man sie lebend und aufrecht stehend mit ihm begrub. Der Tenno soll die Totenfolge daraufhin durch Grabbeigaben aus Ton (haniwa) ersetzt haben. Regelmäßige rituelle Totenfolgeopfer japanischer Herrscher wurden jedoch nicht gefunden. – Die japanische Tradition des Seppuku (ab etwa 1150) hatte keinen religiösen Bezug, sondern betraf die Kriegerehre oder sollte Treue zum eigenen Lehensherren beweisen. Ritualisierter Suizid erschien öfter in Kriegerepen wie dem Heike monogatari und Taiheiki.[64]
Bhutan, Nepal, Tibet
In Tibets früherer Bön-Religion opferten Adelige bei Königsbestattungen massenhaft Sklaven, Untertanen, Frauen und Tiere als Totenfolge. Der Buddhismus in Tibet transformierte diesen Kult ab etwa 700 n. Chr. zu symbolischen, unblutigen Opfern. Der buddhistische Einfluss und eine strenge Zentralregierung sorgten bis etwa 1989 dafür, dass auch die Sherpas in Nepal kaum noch blutige Opfer vollziehen. Beim traditionellen Durga-Puja-Fest (dort Dasain genannt) opfern sie noch Tiere zur Befreiung von Sünden. Bei anderen Ritualen repräsentieren Puppen, Fetische, zuweilen auch ein menschlicher Leichnam, die früheren Menschenopfer.[65]
Mesopotamien
Die in Mesopotamien entdeckten Königsgräber von Ur von etwa 2700 v. Chr. enthielten eine Grabkammer für rund 80 Gefolgsleute, die mit zwei Herrschern und einer Herrscherin bestattet worden waren.[66] Trinkbecher neben jedem dieser Skelette ließen den Ausgräber Leonard Woolley vermuten, dass sie durch einen Gifttrank starben, eventuell als freiwillige Totenfolge.[67] Schlagspuren auf einigen Schädeln stellten diese These jedoch in Frage und machten gewaltsame rituelle Tötungen wahrscheinlich.[68]
Levante
In der Levante und der zugehörigen Region Palästina sind Menschenopfer in Altertum und Antike nur literarisch belegt, nicht archäologisch. Die hebräische Bibel (der Tanach) überliefert ein Bauopfer (1 Kön 16,34 ), ein Notopfer (2 Kön 3,27 ), ein Gelübdeopfer (Ri 11,29–40 ) und einige Kinderopfer (Lev 18,21 ; 20,1–5 ; Dtn 12,29–31 ; 2 Kön 17,17 ; 23,10 ; Jer 7,31 ; 19,5f. ; 32,35 ; Jes 57,5 ; Ez 16,20–22 ; Ps 106,37 und öfter).
Diese Texte wurden lange Zeit als historisch zuverlässige Berichte fehlgedeutet und dienten besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert dazu, dem Judentum eine religiöse Tendenz zu Ritualmorden zu unterstellen. Diese Sicht war Teil des christlichen Antijudaismus und sollte mittelalterliche Ritualmordlegenden untermauern.[69] Das Zerrbild einer angeblichen jüdischen „Moloch-Religion“ ging in den modernen Antisemitismus ein, besonders in Deutschland.[70] Später wurden die biblischen Opfernotizen vorisraelitischen Kulten Kanaans zugewiesen. Beide Sichten sind durch die Forschung überholt.[69]
In Jos 6,26 verbietet Josua im Namen JHWHs strikt den Wiederaufbau der bei der Landnahme der Israeliten eroberten und zerstörten Stadt Jericho und belegt ihn mit einem Fluch. Laut 1 Kön 16,34 konnte der Israelit Hiel aus dem alten Kultort Bet-El die Stadt nur „um den Preis“ seiner beiden Söhne wiederaufbauen. Die eventuell sekundär ergänzte Wendung[71] legt ein Bauopfer nahe, kennzeichnet es als Erfüllung des Fluchs und als Straffolge des Ungehorsams gegen JHWH. Im biblischen Kontext steigert die einmalige Episode den Götzendienst der synkretistischen Religionspolitik des Königs Ahab und bahnt den Kampf des Propheten Elija gegen den kanaanäischen Ba’al-Kult (1 Kön 17ff ) an.[72]
Skelettfunde unter Hausfußböden in Gezer, Megiddo und Taanak wurden früher als Bauopfer und Belege für einen realen Kinderopferbrauch in Nordisrael gedeutet. Sie erwiesen sich jedoch als ohne Opferkontext rituell bestattete Tote.[73] Auch Zerstörung und Wiederaufbau Jerichos sind archäologisch unbelegt.[74]
Laut 2 Kön 3,27 opferte König Mescha seinen erstgeborenen Sohn für den Nationalgott Kemosch, um diesen zum Eingreifen zugunsten der Moabiter zu bewegen und deren Kriegsniederlage abzuwenden.[75] Dies verstanden Alttestamentler früher oft als Hinweis auf ein bei Kanaanäern übliches Erstgeburts-Opfer. Sie nahmen an, dieses habe die Toragebote zur „Auslösung des Sohnes“ durch ein Tieropfer beeinflusst (Ex 13,2.13.15; 22,28f; 34,20 und andere). Die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer stehe auch hinter den Erzählungen zur Bindung Isaaks (Gen 22,1–13 ) und zum Opfer von Jephthas Tochter (Ri 11,29–40). Sie setzten also ein analoges Erstgeburtsopfer im vorstaatlichen Judentum voraus.[76]
Die Bibel stellt Moloch stereotyp als Dämon dar, der Kindesopfer verlangt (Lev 18,21 , 20,2–5 ; 1 Kön 11,7 ; 2 Kön 23,10 ; Jer 32,35 ). Dieser Gottesname ist außerbiblisch unbelegt; gemeint sein könnte der Milkom der Ammoniter, der Melkart von Tyros, der kanaanäische Unterweltsgott Malik[75] oder der assyrische Adramelech (vgl. 2 Kön 17,31 ). Alle diese Namen enthalten den semitischen Wortstamm mlk für „König, Herr“. Weil ein Verb mlk auch auf karthagischen Urnen für Kinder gefunden wurde, nahm man einen allgemeinen Kinderopferkult im Mittelmeerraum und Kanaan an. 1935 bewies Otto Eißfeldt philologisch, dass das punische Verb mlk kein Gottesname war und nichts mit dem biblischen Nomen Moloch zu tun hatte.[77]
2010 wurden punisch-karthagische Belege für Kinderopfer im Mittelmeerraum auch archäologisch entkräftet. Seitdem halten viele Exegeten die Ablösungsthese für eine Fehldeutung jener Bibeltexte. Sie verweisen darauf, dass Gen 22 Abrahams unbedingten Glaubensgehorsam zeigen will, sich nicht mit Kinderopfern allgemein befasst und Tieropfer als etabliert voraussetzt.[78] Ri 11 stellt die Folge eines Gelübdes, kein rituelles Menschenopfer dar. Nur die unklare Stelle Ez 20,25f. verbindet Kinderopfer mit dem biblischen Erstgeburtsrecht.[75]
Die kultkritische deuteronomische Redaktion der Königsbücher vermerkte in 2 Kön 16,3 und 2 Kön 21,6 , Judas Könige Ahas und Manasse hätten ihren Sohn und Thronerben „durchs Feuer gehen“ lassen und damit kananäische Frevel vollzogen. Ob diese Stellen Erstgeburtsopfer meinen und deren regulären Brauch im vorexilischen Judentum belegen, ist stark umstritten.[79] Immer mehr heutige Forscher beziehen die geprägte Wendung auf eine Kinderweihe für den königlichen Wettergott Baal / Hadad, nicht auf Kinderopfer.[80]
Jeremia bekämpfte Menschenopfer vor 586 v. Chr. in JHWHs Namen als Götzendienst und schweren Bruch der Tora (Jer 3,24 ). So klagt JHWH in Jer 7,31 :
„Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“
Laut 2 Kön 23,10 hatte König Joschija diese Kultstätte in Jerusalem schon zerstört. Jer 19,5 und 32,35 nennen „Baal“ statt „Moloch“ als den solche Opfer fordernden Gott; Ez 16,20 spricht allgemein von „Götzen“.[75] Im Hinnomtal wurden keine Brandurnen gefunden. Kanaanäische Ba'al-Kulte spielten im vorexilischen Reich Juda keine Rolle.[79]
Darum ist fraglich, ob es diesen Kult in der Region jemals gab und falls ja, wem und bis wann tatsächlich Kinder geopfert wurden. Für eine Erinnerung an reale Menschenopfer sprechen die Wendungen „im Feuer verbrennen“ (Jer 19,5; Dtn 12,29ff. ) und „opfern“ (Ez 23,39 ; Jes 57,5 ; Mi 6,7 ). Dagegen sprechen die pauschale, ahistorische, biblische Zuordnung derartiger Kinderopfer zur Religion Kanaans (Dtn 18,9f. ; 2 Kön 16,3; Weish 12,2–5 ) und die fehlenden archäologischen Spuren in der Region dafür.[75]
Die jüdische Tora verbot Menschenopfer früh, streng und wiederholt, auch für Fremde in Israel, und bedrohte Ausführende mit der Todesstrafe (Lev 20,2 ; Dtn 18,10 und öfter). Damit überholte die Jüdische Religion die religiös begründeten Menschenopfer im Alten Orient. Sie gelten in der Bibel als besonders abscheuliches Merkmal der Verehrung fremder Götter (Ps 106,37ff ).
Phönizien und Punien
Laut einigen griechischen und römischen Autoren opferten die Phönizier und Punier in ihren Kolonien im Mittelmeerraum ihren Göttern Kinder. So behauptete etwa Diodor (Bibliotheca Historica 20,14), bei der Belagerung Karthagos um 319 v. Chr. hätten die Karthager dem Gott Kronos (den er mit dem phönizischen Baal-Hammon identifizierte) hunderte Kinder der führenden Familien geopfert.[81]
1922 fand man im antiken Karthago einen Kinderfriedhof mit rund 20.000 Urnen und hunderten Stelen. Solche Friedhöfe fand man auch in punischen Siedlungen in Algerien, Tunesien, Sardinien und Sizilien. Ab etwa 500 v. Chr. waren die Stelen stets mit der Formel mlk („geweiht“ oder „geopfert“) beschriftet. Dies schien einen phönizisch-punischen Kinderopferkult zu belegen. Später fand man, dass bis 400 n. Chr. auch verbrannte Reste von Ziegen, Schafen und menschlichen Föten in solchen Urnen lagen. Daraus folgerten Archäologen, dass nur totgeborene oder verstorbene Kinder verbrannt und in Urnen beigesetzt wurden und die Beigaben die Götter um ein gesundes weiteres Kind bitten sollten. Einige beharrten auf realen Kinderopfern.[77]
2010 widerlegten Archäologen diese These, zumindest für Karthago.[82] Eine verbreitete reguläre Menschenopferpraxis im Mittelmeerraum ist somit archäologisch unbelegt.[5]
Europa
Frühgeschichte
In der Kreisgrabenanlage von Goseck (6900 v. Chr.)[83] und der Kreisgrabenanlage von Pömmelte (ab etwa 2300 v. Chr.) gefundene Skelettreste mit abgeschabten Knochen, Gewalt- und Brandspuren deuten auf kannibalische Menschenopfer oder besondere Bestattungsriten hin.[84] In Feuerstellen von Häusern und Höhlen der Alföld-Linearkeramik (6000–4000 v. Chr.), etwa der Bükker Kultur, in der Jungfernhöhle bei Tiefenellern und einer Höhle bei Lisková (Slowakei) fand man dutzende Skelette von Kindern und Jugendlichen mit zertrümmerten Schädeln und aufgebrochenen Röhrenknochen. Auch hier vermuten manche Forscher einen rituellen Kannibalismus,[85] ebenso bei ähnlichen Skelettfunden der Michelsberger Kultur (4400–3500 v. Chr.).[86] Sicher belegt sind Menschenopfer im Raum Eurasiens jedoch erst im Übergang zur Bronzezeit.[87]
Griechen
Mythen, Dramen und Historiografien des Antiken Griechenland erzählen oft von Göttern, die Menschenopfer fordern: etwa beim Hauptfest Arkadiens für Zeus und beim Fest Agrionia in Orchomenos für Dionysos.[88] Mythen von Menschenopfern für Minotaurus, Poseidon, Kronos, Dramen zu Iphigenie und Polyxena und anderen zeigen die enorme Präsenz des Themas im kollektiven Gedächtnis, als Menschenopfer schon weitgehend durch andere Opferformen ersetzt worden waren.[89]
Nach Angaben von Porphyrios (De Abstinentia II,54; um 280) soll man in griechischen Städten früher jährlich zur Erntefeier Kronia einen verurteilten Straftäter zur Statue der Artemis gebracht, ihm Wein eingeflößt und ihn dann „geopfert“ haben. Das Opfer habe ursprünglich dem Gott Kronos gegolten. Man nimmt an, dass Porphyrios hier eine reale Hinrichtungspraxis als Opferritual und Mittel zur Abwehr kollektiven Übels deutete.[90]
Nach Angaben von Pausanias (Helládos Periḗgēsis III,16,9f.) und Philostratos von Athen (Vita Augusta 6,20) ließ der sagenhafte Gesetzgeber Lykurg Menschenopfer im Heiligtum der Artemis Orthia in Sparta im Zuge seiner Reformen (um 650–550 v. Chr.) durch eine Ersatzhandlung entschärfen. Tatsächlich ist eher eine Verschärfung spartanischer Opferriten belegt.[91] Laut Pausanias (IX,8,2) opferte man bei einer Pest in Boiotien dem Dionysos auf Befehl eines Orakels zeitweise einen Knaben, später einen Bock. In Sparta habe das Orakel wegen der Pest jährliche Opfer junger Mädchen verlangt. Ein Adler habe die Opferung der Helena knapp verhindert und eine junge Kuh als Ersatzopfer markiert. Beide Ätiologien erklärten bestehende Tieropferkulte legendarisch als Ersatz früherer Menschenopfer.[92] Diese antiken Zeugnisse gelten nach aktuellem Forschungsstand jedoch allesamt als ebenso fiktiv wie die griechischen Mythen.[93]
Archäologische Belege für Menschenopfer im griechischen Altertum und der griechischen Klassik sind selten.[88] Im Tempel Anemospilia auf Kreta, der um 1700 v. Chr. durch ein Erdbeben zerstört wurde, fand man das Skelett eines jungen Mannes, der auf einen Tisch gefesselt und durch einen Messerschnitt am Hals getötet worden war. Der Fund wird als Menschenopfer gedeutet, eventuell um einen Zorn Gottes zu besänftigen und die Minoische Kultur vor dem Untergang zu bewahren.[94] Auch im Tempel der Artemis in Ephesos gefundene Knochen stammen vermutlich von geopferten Menschen.[95] Eine im ganzen griechischen Raum verbreitete Form von Menschenopfern war der pharmakòs.[96]
Etrusker
Die Etrusker hatten einen ausgeprägten Totenkult, der sie von anderen Völkern des Mittelmeerraums unterschied. Römische Geschichtsschreiber bezeugten ihren Brauch, für die Manen (Totengeister) hochstehender Verstorbener Menschen oder Tiere zu opfern, damit deren Seelen Unsterblichkeit erlangten. Laut Titus Livius opferten sie 358 v. Chr. bei einem Krieg mit Rom 307 gefangene römische Soldaten auf dem Marktplatz ihrer Stadt Tarquinia in Etrurien.[97] Nach anderen römischen Autoren wurden dem Todesdämon Charun zur Ehre des Toten Menschen geopfert. Ein Grabfresco bildet Charun bei einer Opferszene ab.[98] Etruskische Malerei auf Sarkophagen, Urnen oder Grabwänden stellt mit der dominierenden Signalfarbe Rot meist blutige Tötungs- oder Opferszenen dar. Dabei griffen die Maler oft griechische Sagenmotive auf,[99] etwa die Tötung der gefangenen Trojaner in der Tomba François bei Vulci oder das Opfer der Iphigenie auf dem Altar in Theben. Man vermutet, dass diese Grabmalereien eine religiöse Funktion hatten und dass die Etrusker bei Kampfspielen vereinzelt Menschen für die Seelen Verstorbener opferten.[100]
In Tarquinia wurden bis 2016 mindestens zehn Skelette gefunden, die auf einem zwischen 1000 und 600 v. Chr. genutzten Kultplatz wahrscheinlich rituell getötet worden waren.[101] In Kainua fand man am Tempel der etruskischen Hauptgöttin Uni ein zwischen 600 und 300 v. Chr. deponiertes Babyskelett, offenbar ein Fundamentopfer.[102]
Römer
Im frühen Römischen Reich wurden Menschen bei rituellen Kampfspielen gegen einen Gladiator getötet. Weil die Maske des Mannes, der die Getöteten aus der Arena trug, der des etruskischen Charun ähnelte, wurde eine Herkunft dieser Kampfspiele aus Grabriten und Menschenopfern der Etrusker vermutet. Diese These ist umstritten.[103]
Einzelne Kriegsgefangene wurden in Rom stellvertretend für ein feindliches Heer den Göttern der Unterwelt (dei inferi) geopfert. Meineidige, Betrüger und andere Verbrecher wurden durch ihre Hinrichtung feierlich „den Göttern übergeben“ (sacratio). Die Todesstrafe für sie behielt also Züge eines Menschenopfers.[104]
Vestalinnen (Priesterinnen), die ihr Keuschheitsgelübde brachen, wurden nach römischen Autoren am Stadtrand Roms rituell lebendig begraben, etwa 216 v. Chr. nach der verlorenen Schlacht von Cannae.[105] Ob diese Strafe ein regelmäßiger Brauch und als Opfer gemeint war, ist umstritten.[106]
Seit der verlorenen Schlacht an der Allia (387 v. Chr.) war in Rom eine starke Furcht vor einer Invasion der Kelten oder Gallier (metus gallicus) entstanden. Um Niederlagen, Tumulte oder Staatskrisen abzuwenden, opferten die Römer nach römischen Quellen auf dem Forum Boarium mindestens dreimal rituell einen Nichtrömer, letztmals 113 v. Chr. zu Beginn der Kimbernkriege. Danach soll der Brauch eingestellt worden sein.[107]
Laut Plinius dem Älteren (Naturalis historia 30,12) verbot der Senat im Jahr 97 v. Chr. sakrale Menschenopfer in Rom. Diese fanden jedoch nach seinen Angaben (28,12) auch noch zu seiner Zeit (bis 79) statt.[108]
In Machtkämpfen verschiedener Interessengruppen der späten römischen Republik warf man Gegnern mitunter vor, Menschen zu opfern. Laut Cassius Dio ließ Lucius Sergius Catilina für seine Catilinarische Verschwörung 63 v. Chr. einen Sklaven töten und seine Anhänger auf dessen Eingeweide schwören. Sallust griff dieses Gerücht auf.[109]
Im Zuge der Expansion Roms markierten Marcus Tullius Cicero (Pro Fonteio, 69 v. Chr.) und Gaius Iulius Caesar (De bello Gallico, um 50 v. Chr.) die Religion der Kelten und Gallier für ihre Propagandazwecke als blutigen Menschenopferkult und prägten damit das Bild der „Barbaren“ auch bei späteren römischen Autoren.[110]
Laut Sueton ließ jedoch noch Octavian, der spätere erste römische Kaiser Augustus, im Bürgerkrieg 40 v. Chr. 300 oppositionelle Bürger der Stadt Perugia für die Manen seines Vaters Caesar wie Opfertiere töten.[100]
Nach einigen römischen Autoren fanden in manchen römischen Provinzen während der Prinzipatszeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) vereinzelt weiter verbotene Menschenopfer statt, etwa bei magischen Kulthandlungen für Kaiser Elagabal und für die syrische Göttin Atargatis in Hierapolis. Wie glaubhaft diese Angaben sind, ist umstritten.[111]
Kelten
Nach römischen Quellen waren von Druiden überwachte Menschenopfer bei Kelten und Galliern üblich. Laut Cicero (Pro Fonteio 31) war dies den Römern schon vor Caesars Eroberungsfeldzug bekannt. Nach dessen Schrift De Bello Gallico (VI,16) glaubten die Gallier, dass ihre Götter diese Opfer forderten. Sie hätten riesige Götterbilder aus Weidengeflecht mit mehreren lebenden Menschen gefüllt und verbrannt, vor allem mit Verbrechern, aber auch Unschuldigen. Von solchen keltischen Brandopfern berichteten auch die Berner Lukan-Scholien.[112] Nach Angaben von Marcus Annaeus Lucanus (De bello civili I,444f.) opferten die Kelten ihren drei Hauptgöttern Esus, Taranis und Teutates Menschen.[113] Laut Diodor (Bibliothḗkē historikḗ V,31-32,6) wurden die Opfer gepfählt, gekreuzigt und dann auf großen Scheiterhaufen verbrannt, verbunden mit Weissagungen aus ihren Körperteilen und sakralem Kannibalismus. Laut Strabon (Geographika III,3,7) wurden Hunderte zugleich so geopfert. Laut Pompeius Trogus (Justin XXVI 2,2ff.) schlachteten die Galater vor Kämpfen Frauen und Kinder, um die Götter gnädig zu stimmen. Laut Diodor (XXXI 13) und Athenaios (160 E) opferten sie zum Dank für einen Sieg Kriegsgefangene. Plinius der Ältere (Bellorum Germaniae XXX 13) schrieb, trotz des römischen Verbots würden die Kelten in Britannien „bis heute“ (vor 79 n. Chr.) Menschen opfern.[114] Während ihres Aufstands gegen die Römer (61 n. Chr.) ließ die keltische Königin Boudicca laut römischen Quellen römische Kriegsgefangene als Opfer für die Götter an Pfähle nageln.[115] Laut Cassius Dio opferte sie vor einer Schlacht der Göttin Andraste auch gefangene Frauen.[116]
Trotz ihrer Absicht, Fremdvölker als Barbaren herabzusetzen, waren diese römischen Berichte keine reine Greuelpropaganda. So fand man in Ribemont-sur-Ancre einen großen, auf 300–200 v. Chr. datierten Opferplatz mit aufgeschichteten Knochen von rund 1000 geopferten, 15 bis 20 Jahre alten Jugendlichen. Ihre Köpfe waren abgetrennt, wahrscheinlich für die bei Kelten übliche, archäologisch auch sonst belegte Kopfjagd.[114] Auf dem Mormont im Schweizer Kanton Waadt fand man eine Kultstätte der keltischen Helvetier, die ab etwa 200 v. Chr. rund 200 Jahre lang für verschiedene Opfer, eventuell auch Menschenopfer, genutzt worden war. Bei der Heuneburg fand man in einem Schacht neben einem von etwa 700 bis 500 v. Chr. genutzten Kultplatz menschliche Skelettreste mit Brand- und Schabspuren, die ein rituelles Opfer vermuten lassen.[117]
Der Lindow-Mann in Großbritannien, eine Moorleiche von etwa 400 v. Chr., wurde kultisch durch Erschlagen, Erdrosseln und Halsschnitt getötet. Dies könnte das besonders bei irischen Kelten häufige Motiv des dreifachen Todes bestätigen.[112] Bei weiteren in Irland gefundenen Moorleichen mit Gewaltspuren wird ein Menschen- oder sogar ein Königsopfer vermutet, etwa beim Cashel Man (um 2000 v. Chr.), Clonycavan-Mann (392–201 v. Chr.), Old-Croghan-Mann (362–175 v. Chr.) und Mann von Gallagh (470–120 v. Chr.).[118]
Bei rund 20 teils erschlagenen, ohne Beigaben in auffälliger Sitzhaltung bestatteten Galliern, die im heutigen Dijon gefunden wurden, wird ein Menschenopfer nicht ausgeschlossen.[119]
Ein Relief auf einem Grabdenkmal in Bela Krajina zeigt eine Opferszene: Eine Frau hält mit einer Hand einen Fuß des Opfers, mit der anderen schlagbereit eine Axt. Zwei Männer helfen ihr bei der Tat. Ein ähnliches Bild trägt der Kessel von Gundestrup. Die Bildszenen bestätigen römische Angaben zu keltischen Menschenopfern.[120]
Germanen
Bei den als Germanen zusammengefassten mittel- und nordeuropäischen Völkern sind Menschenopfer von der Eisenzeit bis zur Wikinger-Zeit literarisch und ikonografisch vielfach bezeugt, archäologisch jedoch nur bis etwa 500 n. Chr. belegt.[121]
Laut Tacitus (Germania 39) sollte ein regelmäßiges öffentliches Menschenopfer im Semnonenhain den Bund der Sueben bekräftigen.[122] Zudem hätten die Germanen einige Jahre nach der Varusschlacht (9 n. Chr.) auf Altären in Hainen kriegsgefangene römische Militärführer geopfert und ihre Köpfe an Bäumen befestigt (Annales I,61).[123] Diesen Brauch erwähnen auch weitere römische Autoren.[121] Zerstreute Gebeine und an Baumstümpfe genagelte Menschenschädel in der Fundregion Kalkriese, einem möglichen Schauplatz der Varusschlacht, werden jedoch eher als Vernichtungswunsch an Kriegsgegnern gedeutet, nicht als Menschenopfer.[124]
Odin bzw. Wodan war bis zur Völkerwanderung Hauptgott der Nordeuropäer geworden. Für ihn sollen auch Menschen durch Erhängen und Durchbohren mit dem Speer geopfert worden sein.[125] Germanische Mythologie bestätigt das allenfalls andeutend: Laut der Edda gelangte die Sagengestalt Helgi nur durch seinen eigenen Opfertod zu Wodan ins Kriegerparadies Walhall.[126]
Ein Textilstück aus dem Oseberg-Fund und ein Bildstein in Lärbro auf Gotland zeigen aufgehängte oder gehenkte Krieger aus der Wikingerzeit. Der Bildstein zeigt zudem ein Menschenopfer auf einem Altar. Dies bestätigt teilweise den Bericht des Christen Adam von Bremen (um 1100): Die schwedischen Wikinger hätten alle neun Jahre im Tempel von Uppsala neun Männer geopfert und ihre Leichen an Bäumen eines heiligen Hains aufgehängt. Die Opferzahl gilt als übertrieben, doch Bildquellen jener Zeit belegen regelmäßige Kultfeste in Schweden.[121]
Legenden des Hochmittelalters erzählen öfter von Menschenopfern am Meer, um Götter oder Dämonen zu besänftigen. So erzählte Saxo Grammaticus (Gesta Danorum, um 1185), nach einem Unwetter hätten Dämonen drei Menschenopfer von Thorkils gestrandeten Seeleuten gefordert. Diese habe man durch das Los ausgewählt und geopfert. Das habe den Sturm beruhigt und die Weiterreise ermöglicht. Ähnliche Legenden überlieferten auch die Friesen. Ihre Hintergründe sind unbekannt.[127]
Laut der Ynglinga saga (um 1230) opferten die Svear in einer Hungersnot ihren König Domaldi und färbten den Opferplatz mit seinem Blut, um eine gute Ernte zu erlangen. Nach Sagas aus Island opferten einige Fürsten in Notlagen ihre eigenen Kinder. Ob dies sakrale Opfer oder situative Notopfer waren, ist umstritten.[123]

Statistisch waren Menschenopfer in germanischen Kulten seltene Ausnahmen. So fand man bis 2004 in bis zu tausend Jahre lang genutzten Opferstätten in Oberdorla, Skedemosse, Valmose, Hassle Bösarp, Rappendam, Röekillorna und anderen jeweils nur wenige Moorleichen mit kultischen Opferspuren,[128] darunter den Grauballe-Mann, den Tollund-Mann und die Frau von Elling. Die meisten Moorleichen waren als Tote aus magisch-apotropäischen Motiven rituell bestattet worden. Nur in einigen südgermanischen Kultplätzen der frühen Eisenzeit, vor allem in Höhlen auf dem Kyffhäuser und dem Dietersberg (Egloffstein), fand man viele Skelette mit Spuren gewaltsamer Tötung, Zerstückelung und Anthropophagie, etwa absichtlich gespaltenen Arm- und Beinknochen.[121]
Slawen
Auch osteuropäische Ethnien wie die Slawen opferten Menschen, so noch bis 1150 die Ranen auf der Insel Rügen.[129] An einer Außenwand des Tempels der Jaromarsburg auf Rügen fand man eine Kultstätte mit vielen Opfergaben, darunter Schädelresten von acht bis zehn Menschen, die vermutlich geopfert worden waren. Von 800 bis 1000 n. Chr. wurden dort jedoch fast nur Tiere geopfert, nur selten Menschen. Erst ab 1000, als die Ranen schon mit dem Christentum konfrontiert waren, stieg der Anteil an Menschenknochen unter den Gesamtfunden auf bis zu 15 Prozent.[130]
Christentum
Die Kreuzigung des Juden Jesus von Nazaret in Jerusalem um das Jahr 30 war kein Menschenopfer, sondern eine politisch motivierte, vom römischen Präfekten Pontius Pilatus befohlene Hinrichtung (siehe INRI). Das Urchristentum deutete diesen Tod im Anschluss an Eigenaussagen Jesu (etwa Mk 10,45 ) mit biblischen Deutungsmustern teils juridisch und kultkritisch, teils kultisch als ultimative Selbsthingabe des Sohnes Gottes zur Versöhnung aller Menschen mit JHWH, dem Gott Israels. Besonders der Hebräerbrief verwendet dazu biblische Opfersprache: Er bezeichnet Jesus als den schuldlosen Hohepriester, dessen Selbstopfer die Welt ein für alle Mal erlöst und alle Opfer erübrigt habe (Hebr 2,17 ; 5,6ff. ; 7,26f. ; Hebr 9,12.26–28 ; 10,8–18 ).
Darum glauben Christen, dass das Selbstopfer Jesu Christi alle Menschen- und Tieropfer für Gott überboten, aufgehoben und somit Opferkulte überhaupt überflüssig gemacht hat.[131] Diese Absage war auch Ergebnis der schon lange tradierten Opferkritik im Judentum, begünstigt durch historische Umstände wie die römische Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70. Doch nur die frühen Christen begründeten diese Absage grundsätzlich, nämlich mit Jesu Opfertod als dem Zentrum ihres Glaubens, und befolgten sie auch praktisch konsequent.[132]
Die Christianisierung Europas beendete noch existierende vorchristlich-pagane Opferkulte, ging jedoch mit politischer Machtentfaltung christlicher Herrscher einher und verlief vielfach gewaltsam durch Eroberungs- und Religionskriege, begleitet von Massenhinrichtungen.[133]
Neuzeitliche Religionskritiker wie Ludwig Feuerbach (1841) unterstellten dem Judentum und dem Christentum gerade jenen Menschenopferkult, den diese überwinden wollten. Georg Friedrich Daumer deutete das frühe Judentum 1847 als „Molochkult“, das christliche Abendmahl als bloß getarnte kannibalische Anthropophagie, Jesu Opfertod als Rückfall in das religionsgeschichtlich schon durch Tieropfer abgelöste Stadium archaischer Menschenopfer.[134]
Moderne christliche Theologen wie Karl Barth und sein Schüler Friedrich Wilhelm Marquardt haben diesen Kritiken hinsichtlich der Kirchengeschichte Recht gegeben: „Kaum eine geistige Macht der Welt hat so viele Menschenopfer unerhört auf dem Gewissen wie die Geistesmacht christlicher Theologie in ihren Konsequenzen.“[135]
Die heutige christliche Theologie lehnt die Satisfaktionslehre, wonach Gott zur Befriedigung seines Zorns ein Opfer benötige, meist ab und deutet Jesu Christi stellvertretende Schuldübernahme als tiefste Begründung der Menschenrechte und Beginn der endzeitlichen Befreiung von Sünde und Tod.
Satanismus
Aleister Crowley widmete Blutopfern in seinem Hauptwerk Magick in theory and practice (ab 1923) ein eigenes Kapitel. Darin erklärte er, ein männliches, unschuldiges, hochintelligentes Kind sei für das höchste spirituelle Ergebnis das am besten geeignete Opfer. Bruder Perdurabo (Crowleys Pseudonym) habe dies Opfer in den Jahren 1912 bis 1928 rund 150-mal jährlich vollzogen. Eine Fußnote stellte eine wörtliche Auslegung des Kapitels zwar unter Vorbehalt und deutete das männliche Kind als Symbol für die kreative Kraft des Magiers; doch ein Zusatz Crowleys stellte klar: Zwar sei das blutige Opfer gefährlicher, aber effektiver. Für fast alle Zwecke sei das Menschenopfer am besten.[136]
Schriften des neueren Satanismus wie die Satanische Bibel und die Schwarze Bibel fordern keine Menschen- und Tieropfer, da der Mensch der einzige Gott des Menschen sei. Allerdings verbieten sie sie auch nicht, da sie den freien Willen des Individuums verabsolutieren und Jedem erlauben, sein eigenes Gesetz zu schaffen.[137]
In Filmen (etwa The Wicker Man, 1973, 2006), Romanen, Belletristik und Medienberichten kommen Menschenopfer oft vor. Sie werden in der Popularkultur meist nicht von individuellen Ritualmorden ohne kultischen Kontext unterschieden. Unterstellte oder fantasierte Ritualmorde spielten für die Satanic Panic von etwa 1965 bis 1990 eine erhebliche Rolle.[49]
Ersatzhandlungen
Ein allgemeiner religionsgeschichtlicher Fortschritt von Menschen- zu Tier- zu unblutigen Ersatzopfern ist nicht belegt. Eventuell gingen Pflanzenopfer den Menschen- und Tieropfern historisch voraus. Jedoch kannten antike Kulturen schon Ersatzopfer.[138]
Als solche gedeutet wurden unter anderem die rituelle Geißelung junger Männer (Epheben) im Artemiskult Spartas, das blutige Halsritzen im Artemistempel in Halai,[139] die Selbstverstümmelung der Priester beim römischen Attisfest, die Selbstgeißelung von Derwischen, die Weihe von menschlichem Blut oder Haar, das Aufhängen, Ertränken oder Verbrennen von Wachs- oder Tonfiguren oder Strohpuppen[138] sowie das Aufstellen menschenähnlicher Holzfiguren im Wittemoor (etwa 135 v. Chr.).[140]
Die Römer warfen statt Menschen eine Puppe aus geflochtenen Binsen in den Tiber und stellten dazu den Rechtsgrundsatz auf: In sacris simulata pro vero accipiuntur („bei den Opfern gilt das Vorgetäuschte als wahr“). Bei Puppenverbrennungen wie dem Böög beim Sechseläuten in Zürich hat sich ein ähnlicher Brauch erhalten.[141] Georges Bataille deutete auch das Ritual des Burning Man in Black Rock City als transformiertes Menschenopfer.[142]
Dagegen gelten Verbrennungen von Hexenpuppen bei Fastnachtsfeiern oder das Judasverbrennen bei Osterfeuern eher als folkloristischer Ersatz für frühere Hinrichtungen, nicht für Kultopfer.[143] Auch bei Feuerritualen des irischen Beltanefestes ist der vermutete Menschenopferersatz fraglich.[144]
Bauopfer konnten in Europa seit der frühen Neuzeit durch Münzen, Orden, Dokumente, Büsten oder Wein ersetzt werden.[138]
Opfertheorien
Wegen der kulturellen Vielfalt und Vieldeutigkeit religiöser Opfer entstanden verschiedene Theorien zur Erklärung von Menschenopfern und deren religiösen, psychologischen und sozialen Hintergründen. Als Haupttypen gelten je nach Kontext ritueller Kannibalismus, Kommunikation mit Göttern, etwa als Nahrungsgabe für sie, und symbolisches Vergegenwärtigen einer mythischen Kosmogonie (Weltentstehung).[49]
Die einflussreiche Theorie von James George Frazer (The Golden Bough, 1890) erklärte sie aus einer von Magie bestimmten archaischen Phase der Religionsgeschichte, in der Gesellschaften ihr Wohlergehen von übernatürlichen Kräften abhängig sahen und diese besonders in Krisensituationen durch Opfer zu beeinflussen suchten, um die kosmische Ordnung wiederherzustellen, Unheil abzuwehren und eine spirituelle Reinigung oder Erneuerung herbeizuführen. Dazu habe man kollektives Unglück oder Schuld auf den jeweils ausgewählten Sündenbock (ob König, Priester oder ausgegrenzte Minderheit) übertragen. Deren Opfer seien logische Folge der magisch-rituellen Weltsicht gewesen und nicht als grausame, barbarische Ausnahme verstanden worden.[145] Frazers Entwicklungsschema von Magie zu Religion zu rationaler Wissenschaft, von Menschen- zu Tier- zu unblutigen Ersatzopfern wird in aktueller Religionswissenschaft abgelehnt.[16]
Der Alttestamentler Sigmund Mowinckel idealisierte Menschenopfer als Trieb, der Gottheit freiwillig das Beste, Wertvollste zu schenken, so dass das freiwillige Selbstopfer als das höchste, vollkommenste Opfer erschien.[146] Der Anthropologe Michael Harner erklärte die kannibalischen Menschenopfer der Azteken 1977 utilitaristisch aus einem angeblichen, klimatisch bedingten Mangel an tierischen Eiweißquellen in Mexiko.[147] Beide Theorien ignorierten den enormen rituellen und gesellschaftlichen Aufwand, mit dem diese Kulte etabliert und aufrechterhalten wurden, sowie die ausgewählten Opfergruppen und die an ihnen ausgeübte religiöse Gewalt. Die spanischen Eroberer und christlichen Missionare dagegen erklärten die mörderische Ästhetik der aztekischen Opferrituale als Werk des Teufels, der damit die heiligen Rituale des Christentums zu pervertieren trachte. Laut dem Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim erfassten sie damit die Gewaltdimension und Faszination der Qual, ohne diese rational erklären zu können.[148]
Sigmund Freud versuchte, Menschenopfer mit seinem Modell der Psychoanalyse spekulativ als Variante des Vatermords zu erklären: Zunächst habe man mit Menschen, besonders Königen, stellvertretende Darsteller der Gottheit geopfert, also den Erzeuger des Lebens. Dann habe man diese Väteropfer durch Tieropfer ersetzt: „Und als der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wiedererhielt, konnte sich das Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.“[149] Freud spielte hier vor allem auf die christliche Inkarnationslehre an, die er somit als Rückschritt gegenüber dem jüdischen Tieropferkult sah.
Wegen der verbreiteten Menschenopfermotive in Legenden und Mythen stellten einige Forscher einen realen Menschenopferbrauch an den Anfang einer angenommenen Entwicklung zu rationalem Denken und Zivilisation, etwa René Girard.[150] Laut Walter Burkert ritualisierte der ursprünglich „tötende Mensch“ die lebenserhaltende, aber als grausam empfundene Jagd durch Opfer und bildete so Gemeinschaft und Kultur.[151] Burkhard Gladigow erweiterte diese Theorie auf das Töten von Menschen durch Krieg, Exekution und Mord.[152] Hyam Maccoby deutete besonders biblische, jüdisch-christliche Opfermythen als Ausdruck eines alten Menschenopferbrauchs, der später an den „heiligen Henker“ delegiert worden sei: Als Ausführenden betrachte man ihn mit Dank, aber auch Abscheu, grenze ihn aus und gebe ihm statt der eigenen Gemeinschaft die Schuld am Menschenopfer.[153]
Der Soziologe Gunnar Heinsohn erklärte den neuzeitlichen Antisemitismus als Reaktion auf jüdisches Verhalten: Weil das Judentum die Wirksamkeit von Menschenopfern geleugnet habe, habe es die zentrale christliche Botschaft der Erlösung durch den Opfertod Jesu Christi abgelehnt. Dem Vernichtungsantisemitismus liege der Trieb zugrunde, das Menschenopfer an seinen Leugnern zu vollstrecken.[154]
Der Philosoph Christoph Türcke erklärte die ersten Menschenopfer als Versuch, das Trauma des archaischen Brudermords durch eine kollektive ritualisierte Wiederholung zu verarbeiten, etwa durch die Steinigung. Später habe man entdeckt, dass die Gottheiten sich durch sexuelle Kultpraktiken besänftigen ließen, und die Menschenopfer dadurch weiter verdrängt. In Viehzuchtgesellschaften habe man dann Tiere gezähmt und so anstelle von Menschen rituell schlachten können.[155]
Die Antisemitismusforschung und Geschichtswissenschaft haben psychoanalytische Erklärungsversuche kaum aufgegriffen, unter anderem weil sie das Übertragen individualpsychologischer Kategorien auf empirisch-historische Prozesse methodisch ablehnen.[156]
Die empirisch-historische Forschung behandelte Menschenopfer noch bis Ende der 1990er Jahre oft als kurioses Randthema oder Fantasieprodukt. Abscheu verhinderte oft objektive Studien dazu, vor allem wegen zwei erwiesenen Tendenzen, die aufeinander reagierten: zum einen, unterworfenen Völkern solche Praktiken nachzusagen, um ihre Kulturen zu entwerten; zum anderen, Beweise für Menschenopfer zu ignorieren oder zu bestreiten, sie einer Sensationslust oder Diffamierungsabsicht zuzuschreiben.[157]
Siehe auch
Literatur
Allgemein
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- Mark Pizzato: Theatres of Human Sacrifice. From Ancient Ritual to Screen Violence. State University of New York Press, New York 2004, ISBN 0-7914-6259-5.
- Miranda Aldhouse Green: Menschenopfer – Ritualmord von der Eisenzeit bis zum Ende der Antike. Magnus, Essen 2003, ISBN 3-88400-009-8.
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- Garry Hogg: Cannibalism and Human Sacrifice. Robert Hale, London 1990, ISBN 0-7090-4243-4.
- Nigel Davies: Human Sacrifice, in history and today. William Morrow, New York 1981, ISBN 0-688-03755-0.
Afrika
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Amerika
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- Linda Hansen, Rubén G. Mendoza: Ritual Human Sacrifice in Mesoamerica: Recent Findings and New Perspectives. Springer VS, New York 2024, ISBN 978-3-17-020029-6.
- Thomas Besom: Inka Human Sacrifice and Mountain Worship: Strategies for Empire Unification. University of New Mexico Press, Albuquerque 2013, ISBN 978-0-8263-5308-5.
- Leonardo López Luján, Guilhem Olivier: Sacrificio humano en la Tradición religiosa Mesoamericana. Instituto Nacional de Antropología e Historia, Mexico City 2010, ISBN 978-607-484-076-6 (spanisch)
- George Franklin Feldman: Cannibalism, Headhunting and Human Sacrifice in North America: A History Forgotten. Alan C. Honda, 2008, ISBN 978-0-911469-33-2.
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Weblinks
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Codex Tudela
Aztec ritual human sacrifice portrayed in the page 141 (folio 70r) of the Codex Magliabechiano..