Malcolm X

Malcolm X, 1964

Malcolm X [ˌmælkəm ˈɛks] (* 19. Mai 1925 als Malcolm Little in Omaha, Nebraska; nach seiner Pilgerreise 1964 nach Mekka El Hajj Malik el-Shabazz; † 21. Februar 1965 in New York City) war ein amerikanischer Menschenrechtler, einer der Anführer der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sowie bis 1964 Sprecher und ab 1964 Kritiker der Nation of Islam. Er wurde 1965 bei einem Attentat in Manhattan getötet.

Frühe Jahre

Familie

Malcolm X war der Sohn des baptistischen Reverends Earl Little, einem Gelegenheitsarbeiter, und seiner Frau Louise Langdon Norton. Malcolms Vater war von Beruf Tischler. 1917 zog er wie viele Afroamerikaner in Zuge der Great Migration in den Norden des amerikanischen Kontinents, um der brutalen Unterdrückung durch das System der Jim-Crow-Rassentrennung in den US-amerikanischen Südstaaten zu entgehen. Er verließ die USA und siedelte sich in Kanada an, genauer in Montreal. Seine Familie – seine Frau Daisy Mason und die drei gemeinsamen Kinder Ella, Mary und Earl Jr. –, mit der die Beziehung ohnehin angespannt war, verließ er, ohne die Scheidung einzureichen. Stattdessen gab er sich als Witwer aus und heiratete am 10. Mai 1919 Louise Norton. Malcolms Mutter wurde auf Grenada in Britisch-Westindien als Tochter eines schottischen Vaters und einer schwarzen Mutter geboren. Über die Beziehung ihrer Eltern ist nur wenig bekannt; Malcolm X sprach jedoch stets von einer Vergewaltigung. Louise Nortons Mutter starb früh und ihr Vater verließ sie, so dass sie von ihrer Großmutter und Tante aufgezogen wurde. In ihrer Jugend emigrierte die Afrokaribin auf Einladung ihres Onkels Edgerton Langdon nach Kanada, wo sie Earl Little auf einem Kongress der Universal Negro Improvement Association (UNIA) kennenlernte und heiratete. Von dessen ehemaliger Familie erfuhr sie erst später. Das Paar hatte sieben Kinder: Wilfred, Hilda, Philbert, Malcolm, Reginald, Yvonne und Wesley.[1]

Die Littles waren Anhänger des schwarzen Nationalisten Marcus Garvey, dem Vorsitzenden der UNIA. Garvey war die Führungsfigur des Back-to-Africa-Movement, einer Massenbewegung mit mehreren Millionen Anhängern, die die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit der Afroamerikaner von den Weißen propagierte. Er forderte von seinen Anhängern, stolz auf ihre Hautfarbe zu sein und sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Als Endziel sah sie eine Rückkehr nach Afrika vor. Um Garveys Ideen in den USA zu verbreiten, verließ das Ehepaar Little Kanada und zog erst nach Philadelphia und dann nach Omaha. Earl Little wurde dort Vorsitzender des neugegründeten lokalen Zweigs der UNIA. Als selbstbewusster schwarzer Aktivist fiel es Little schwer, eine feste Stelle zu finden. Er hielt sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, u. a. als Aushilfsprediger. Nebenher jagte er, während seine Frau Kaninchen und Hühner züchtete.[2]

Die politische Haltung seines Vaters führte zu Anfeindungen und Angriffen durch weiße Rassisten: In seiner Autobiographie schildert Malcolm einen Überfall von bewaffneten Ku-Klux-Klan-Mitgliedern auf das Haus der Familie. Diese forderten, dass Earl Little sein Haus verlassen und zu ihnen kommen solle. Malcolms Mutter, die zu diesem Zeitpunkt mit ihm schwanger war, konfrontierte die Terroristen und richtete ihnen aus, dass ihr Mann verreist sei. Die Ku-Klux-Klan-Mitglieder drohten der Familie mit weiteren Gewaltakten, forderten von ihnen, die Stadt zu verlassen, und ritten schließlich davon. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte wurde später durch Aussagen von sowohl Malcolms Mutter als auch seiner Tante Rose in Zweifel gezogen, wird jedoch immer wieder auch in eigentlich reputablen Biographien kolportiert. Das Bild einer schwangeren Frau, die mutig die böswilligen Schergen der White Supremacy konfrontiert, zeigt der Historikerin und Malcolm-Biographin Britta Waldschmidt-Nelson zufolge besonders im Kontext der Biographie eines schwarzen Freiheitskämpfers effektiv die Brutalität des Rassismus. Zugleich erscheint sie den meisten Lesern als glaubwürdig, da ähnliche rassistisch motivierte Gewaltakte in den gesamten Vereinigten Staaten üblich waren.[3]

Kindheit und Jugend

Malcolm X kam 1925 im Uniklinikum Omaha auf die Welt. Seine Kindheit war unglücklich; rückblickend betitelte er dieses Kapitel seines Lebens als ein „Albtraum“ (englisch nightmare). Ehestreitigkeiten über die Affären seines Vaters oder seine Unfähigkeit, für die Familie zu sorgen, waren ebenso wie häusliche Gewalt an der Tagesordnung. Malcolm war auch wegen seiner vergleichsweise hellen Haut und seinen rotbraunen Haaren der Lieblingssohn seines selbst sehr dunkelhäutigen Vaters, der ihn deshalb nur wenig schlug. Prügelstrafen teilte ihm gegenüber meist seine Mutter aus, der die helle Haut ihres Sohnes missfiel. Malcolm wurde früh von den Predigten seines Vaters über die Lehren Marcus Garveys geprägt.[4]

Fehlendes Geld und Anfeindungen durch weiße Rassisten zwangen die Familie immer wieder zu Umzügen. Als sie sich 1929 in Lansing ansiedelte, wurde sie drei Monate später aus ihrem Haus ausgewiesen – laut einem Grundbucheintrag war Afroamerikanern der Erwerb dieser Immobilie nicht gestattet. Die Littles zogen erfolglos vor Gericht; ihnen wurde nicht einmal der Kaufpreis erstattet. Wenig später brannte das Haus samt dem Hab und Gut der Familie nieder. Die Brandursache blieb unklar. Während Malcolm X in seiner Autobiographie weiße Rassisten der Brandstiftung bezichtigt, vermutete die Polizei, dass Earl Little Versicherungsbetrug beging. Er hatte nämlich zuvor eine vergleichsweise hohe Brandversicherung auf das Haus abgeschlossen. Die Familie zog daraufhin zunächst nach East Lansing und später auf ein Grundstück, das außerhalb der Stadt gelegen war. Am 8. September 1931 starb Earl Little einem Polizeibericht zufolge bei einem Straßenbahnunfall. Louise Little und die Mehrheit ihrer Kinder gingen hingegen von einem Mordanschlag der Black Legion aus, einem Ableger des Ku-Klux-Klans.[5]

Der Tod des Vaters inmitten der Großen Depression war für die Familie eine Katastrophe. Ohnehin schon verarmt, musste sie nun am Existenzminimum leben. Teilweise konnte sie sich keine besseren Mahlzeiten als gekochten Löwenzahn leisten. Da das Geld der Lebensversicherung nicht reichte, um die achtköpfige Familie zu versorgen, mussten Louise Little und ihr elfjähriger Sohn Wilfred verschiedene Gelegenheitsarbeiten annehmen. Die stolze Mutter sah sich bald gezwungen, Sozialhilfe und eine Witwenrente zu beantragen. Sie schloss sich in dieser Zeit den Adventisten an und führte strenge Essensvorschriften ein. So verbot sie ihren Kindern den Verzehr von Schweine- und Kaninchenfleisch und lehnte auch gespendetes Essen ab, das sie als „unrein“ wahrnahm. Ihre Nachbarn und die staatliche Fürsorge hatten kein Verständnis für dieses Verhalten und warfen der Mutter vor, mit ihrem religiösen Fanatismus das Wohlergehen ihrer Kinder zu gefährden. Malcolm griff in dieser Zeit auf Diebstahl zurück, um sich zu ernähren und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Louise lebte durch eine neue Liebesbeziehung noch kurz auf; ihr Freund verließ sie jedoch Ende 1937, als er erfuhr, dass er sie geschwängert hatte. Der geistige Zustand der Mutter verschlechterte sich nun rapide. Als Malcolm bei einem erneuten Diebstahl erwischt wurde, übergab die Fürsorge ihn einer weißen Pflegefamilie, den Gohannas. Seine Mutter erlitt schließlich kurz vor Weihnachten 1938 einen totalen Nervenzusammenbruch und wurde per Gerichtsbeschluss in eine staatliche Nervenklinik in Kalamazoo eingewiesen, wo sie die nächsten 24 Jahre ihres Lebens verbrachte. Erst 1963 kam sie bei ihrem Sohn Philbert und dessen Familie in Lansing unter.[6]

Mit 13 Jahren hatte Malcolm den Kollaps seiner Familie miterlebt: Sein Vater war tot, seine Mutter in einer Klinik und seine Geschwister auf mehrere Pflegefamilien verteilt. Die Schuld verortete er bei den weißen Autoritäten, die weder Respekt noch Verständnis für seine Mutter aufbrachten und sie deshalb in den Ruin trieben. Waldschmidt-Nelson hebt hingegen hervor, dass dieses klassische schwarz-nationalistische Narrativ ihn und seine Familie von Schuld für ihre Lage freispricht. Die vielen Schicksalsschläge machten Malcolm zu einem Problemkind; Konflikte mit der Schulleitung und seiner Pflegefamilie führten dazu, dass er in ein Heim für schwererziehbare Jugendliche in Mason versetzt wurde. Dort verbesserte sich das Verhalten Malcolms auf Grund der freundlichen Behandlung durch die weißen Heimleiter, dem Ehepaar Swerlin. Zwar schätzte Malcolm ihre Hilfe, rückblickend kritisierte er sie jedoch für die von ihnen gehegten rassistischen Vorstellungen und ihre Nutzung des Wortes „Nigger“. Das persönliche Eingreifen der Swerlins ermöglichte Malcolm den Besuch der städtischen Junior High School, in der er der einzige schwarze Schüler war. Er passte sich an, erzielte gute Ergebnisse und war bei seinen Mitschülern beliebt, so dass sie ihn zu ihrem Klassensprecher wählten. Seine Lieblingsfächer waren Englisch und Geschichte.[7]

Zwei Jahre später wandelte sich Malcolms Lebenseinstellung erneut, als er im Frühling 1940 seine Halbschwester Ella Little kennenlernte und mit ihr in einen regen Briefverkehr trat. Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihr Stolz auf ihre afroamerikanische Herkunft machten einen großen Eindruck auf ihn. Die Sommerferien 1940 verbrachte er daher in ihrem Einfamilienhaus in Boston, wo er sich zum ersten Mal als Teil einer schwarzen Gemeinschaft fühlte. Das Leben in der Großstadt begeisterte ihn. Nach seiner Rückkehr störte ihn der unterschwellige Rassismus in Macon umso mehr: Er hatte das Gefühl, wie ein schwarzes Maskottchen und nicht wie ein vollwertiger Mitmensch behandelt zu werden. Verstärkt wurde dieser Eindruck in einem Gespräch über seine Berufsaussichten mit seinem Lieblingslehrer. Dieser machte ihm klar, dass das Bildungsbürgertum für ihn als „Nigger“ trotz seiner herausragenden Leistungen unerreichbar sei und er eher ins Handwerk gehen sollte. Malcolms Frustration über seine Ausgrenzung führte dazu, dass seine Noten einbrachen. Er zeigte sich den Autoritäten gegenüber wieder rebellisch, indem er beispielsweise weiße Mädchen zum Tanz aufforderte – ein Tabubruch in der streng nach Hautfarbe getrennten Gesellschaft. Die Swerlins, die wie seine Lehrer und Mitschüler kein Verständnis für sein Verhalten hatten, brachten ihn bei einer schwarzen Pflegefamilie unter, den Lyons. Auf Malcolm wirkten diese jedoch wie unterwürfige Anpasser. Schließlich durfte er im Sommer 1941 nach Boston zu seiner Halbschwester ziehen.[8]

„Detroit Red“ – Kriminalität

Das Haus, in dem Malcolm mit seiner Halbschwester lebte, wird seit Januar 2021 im National Register of Historic Places aufgeführt.[9]

In Boston rebellierte Malcolm weiterhin gegen die Autoritätsfiguren in seinem Leben, nunmehr seine Halbschwester, die ihn an die Werte der schwarzen Mittelschicht heranführen wollte. Diese kamen dem Teenager wie eine affektierte Nachahmung der Weißen vor. Stattdessen identifizierte er sich mit der schwarzen Unterschicht, genauer mit der Kultur der Großstadt-Bars und Casinos, und nahm eine Stelle als Schuhputzer vor einem Tanzlokal an. Talentiert im Lindy Hop und auch bei weißen Frauen beliebt widmete er sich mehr und mehr dem Nachtleben. Durch seine Arbeit kam er in Kontakt mit schwarzen Stars wie Duke Ellington, aber auch mit Drogen: Sein Hauptverdienst wurde bald der Verkauf von Marihuana. Er selbst rauchte in dieser Zeit Cannabis und fing später an, Kokain zu sich zu nehmen. Auch sein Äußeres passte er an seine Umgebung an: Er trug die damals unter jungen Afroamerikanern beliebten Zoot Suits und ließ sich einen Conk machen, also die Haare bei einer schmerzhaften Prozedur entkräuseln und rot färben. Rückblickend bewertete Malcolm X den Conk als seinen „erste[n] große[n] Schritt zur Selbsterniedrigung“ (englisch first really big step toward self-degredation) und als den fehlgeleiteten Versuch, durch Selbstverstümmelung einem weißen Schönheitsideal zu entsprechen. Sowohl die welthistorischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs als auch die politischen Errungenschaften der frühen Bürgerrechtsbewegung interessierten Malcolm nur wenig. Dem Wehrdienst entging er 1943, indem er eine Geisteskrankheit simulierte. Hingegen war er ein aufmerksamer Beobachter der Rassenunruhen in Harlem 1943, bei denen Schwarze gegen Polizeigewalt randalierten. Ella Little war über die Entwicklung ihres Halbbruders entsetzt und versuchte immer wieder, ihn wieder auf die „rechte Bahn“ zu bringen, so dass Malcolm schließlich Ende 1941 zu seinem Freund Shorty Jarvis zog. Als Kompromiss mit seiner Halbschwester akzeptierte er jedoch eine Stelle als Sandwichverkäufer bei der Bahn.[10]

Im Frühjahr 1942 brachte ihn seine Arbeit bei der Bahn nach Harlem, dem schwarzen Viertel New Yorks. Malcolm war vom Zentrum afroamerikanischer Kunst und Kultur (siehe Harlem Renaissance) und dem glamourösen Nachtleben der Stadt so begeistert, dass er sich in ihr ansiedelte. Er glitt immer weiter ins kriminelle Milieu ab; vermittelte die Dienste von Prostituierten und verkaufte weiterhin Drogen. Die meist weiße Sex-Kundschaft verachtete er als pervers; hingegen stand er den Zuhältern eher positiv gegenüber, auch wenn sie ihre Arbeiterinnen fast wie Sklavinnen behandelten. Seinen eigenen Freundinnen – er führte damals intime Beziehungen mit mehreren Frauen gleichzeitig – erniedrigte und schlug er regelmäßig. Später benannte er selbst sein Verhalten als Objektifizierung. Bekannt war er als „Detroit Red“: Detroit, weil er aus dem Bundesstaat Michigan stammte, Red wegen seiner roten Haarfarbe. In seiner Autobiographie berichtet er ausführlich über diese Zeit und stellt sich als stadtbekannten und berüchtigten Verbrecher dar. Dass er auch legale Berufe ausübte und regelmäßig Harlem verließ, um Verwandtschaft und Freunde zu besuchen, bleibt unerwähnt. Der Einschätzung Waldschmidt-Nelsons zufolge handelte es sich bei ihm eher um einen „rastlose[n], nach Anerkennung hungernde[n] junge[n] Mann“, der seine eigene Kriminalität und seinen Wagemut später übertrieb.[11]

Um seine immer teurer werdende Drogensucht zu finanzieren, wurde Malcolm mit seinem Freund Sammy McKnight ein Einbrecher. Unter dem Einfluss verschiedener Rauschgifte wurde er immer risikobereiter und unberechenbarer. Bei mehreren Konflikten mit anderen Kriminellen und der Polizei setzte er sogar sein Leben aufs Spiel. 1944 kam er mit 19 Jahren erstmals vor Gericht, nachdem er den Pelzmantel seiner Halbschwester gestohlen und verkauft hatte. Er wurde zu einer dreimonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Bei einem Besuch seiner Geschwister in Michigan wurde er bei einem bewaffneten Raubüberfall erkannt und verhaftet. Nachdem sein Bruder Wilfred die 1000 $ hohe Kaution bezahlt hatte, floh er zurück nach New York. 1945 war er wegen Auseinandersetzungen mit anderen Kriminellen gezwungen, nach Boston zum über die Lebensart seines Freundes schockierten Shorty Jarvis zurückzukehren. Auch wenn er weiter legale Arbeiten ausübte und mit Freunden und Familie lebte, fand weder sein Drogenkonsum noch sein kriminelles Verhalten ein Ende. Rückblickend meinte Malcolm X, dass er in dieser Zeit zu einem zynischen Raubtier ohne Glauben an Gott verkommen war.[12]

Malcolmbiographen wie Manning Marable vermuten, dass Malcolm nach seiner Rückkehr nach Boston ein sexuelles Verhältnis mit dem weißen Hotelmanager William Paul Lennon hatte. Des Weiteren gibt es Hinweise, dass Malcolm auch zuvor gegen Bezahlung sexuelle Beziehungen mit anderen Männern unterhielt. Dabei handelte es sich Marable zufolge eher um eine jugendliche Experimentation eines mit Frauen frustrierten Mannes als um ein Indiz für eine mögliche Homo- oder Bisexualität. Diese Theorien sind allerdings vor allem unter Schwarzen Nationalisten, die sie als Verleumdung ihres Helden wahrnehmen, höchst kontrovers – möglicherweise das Zeichen eines homophoben Männlichkeitsideals.[13]

Malcolm setzte auch in Boston seine Einbrüche fort, nun unterstützt von einer aus ihm selbst, Shorty Jarvis, Francis „Sonny“ Brown (In Malcolms Autobiographie „Rudy“ genannt), den weißen Frauen Bea und Joyce Caragulian sowie der Armenierin Kora Marderosian bestehenden Bande. Die anfangs lukrativen Einbrüche im weißen Reichenviertel Bostons waren jedoch eher dilettantisch: Die Bande verfügte weder über einen Dietrich noch über ein Glasschneider und behielt einige der gestohlenen Wertgegenstände. Nachdem Malcolm eine gestohlene Armbanduhr einem Juwelier zur Reparatur gegeben und ihm sogar Name und Adresse mitgeteilt hatte, wurden er und alle seine Mitstreiter bis auf Sonny Brown im Januar 1946 verhaftet. Vor Gericht behaupteten die Frauen, von den Männern zu den Einbrüchen gezwungen worden zu sein, und erreichten so Strafen von nur eins bis fünf Jahren auf Bewährung. Schockiert mussten Malcolm und Shorty Jarvis feststellen, dass sie selber jeweils zu acht- bis zehnjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. In ihren Augen lag der drakonische Entscheid des Gerichts nicht an ihren eigentlichen Straftaten, sondern an der Tatsache, dass sie als schwarze Männer mit weißen Frauen zusammengearbeitet hatten.[14]

Gefängnis

Malcolm kam zunächst ins Charlestown-Gefängnis, wo die hygienischen Zustände katastrophal waren, wurde aber 1948 verlegt. Bereits in Charlestown hatte er sich mit einem schwarzen Redner angefreundet, der ihn zum Lesen ermutigte. Malcolm bildete sich als Autodidakt weiter, vor allem in den Bereichen Philosophie und Geschichte. Bei Debattiergruppen im Gefängnis schulte er seine Rhetorik. Die Zeit im Gefängnis nutzte er sehr intensiv für das Studium. So brachte er sich laut seiner Autobiographie neue Wörter bei, indem er ein Wörterbuch Seite für Seite abschrieb.[15]

Malcolm X und die Nation of Islam

Erster Kontakt und Beitritt

Während seiner Haft machte Malcolm durch einen Brief seines Bruders Philbert Bekanntschaft mit der „Nation of Islam“. Nach der Überzeugungsarbeit einiger seiner restlichen Geschwister, die der „Nation“ ebenfalls beigetreten waren, tat er es ihnen gleich. Fortan bekannte er sich zu dem, was von der Nation of Islam als „genuin schwarze Kultur“ betrachtet wurde. In der Überzeugung der „Nation“ war der Nachname eines jeden Schwarzen der, den einst die Sklavenhalter ihm gaben. Zur wahren Befreiung aus der Unterdrückung wurden diese Namen von der „Nation“ abgelehnt. Da nun aber der ursprüngliche Name eines Nachkommen von Sklaven nicht bekannt ist, verliehen sich die Mitglieder der „Nation“, so auch Little, den Nachnamen „X“. Er nahm Sonnenbäder, um dunkler zu erscheinen, eine Maßnahme, die ihm schon seine Mutter verordnet hatte, und schor sich den Kopf.

Ende 1952 wurde Malcolm vorzeitig entlassen, geriet aber wieder in Gefahr, verhaftet zu werden, als er erneut den Militärdienst (zur Zeit des Koreakriegs) verweigerte. Er wurde jedoch aufgrund seiner Religion offiziell als Kriegsdienstverweigerer akzeptiert. Den Ersatzdienst umging er wieder mit dem Attest eines Psychiaters.

Wortführer der Nation of Islam

Nachdem er nach Detroit umgezogen war, lernte Malcolm den Führer der Nation of Islam, Elijah Muhammad, kennen, der zu einem Ersatzvater wurde. Bald darauf leitete Malcolm X als Vertrauter Muhammads den Harlemer Tempel und etablierte sich als einer der Wortführer der Organisation. Diese Position erreichte er durch sein selbstsicheres und wortgewandtes Auftreten und seinen grenzenlosen Einsatz für die „Nation“. Er nutzte alle Mittel, um möglichst viele Schwarze zu erreichen – zum Beispiel ging er in die Schwarzenviertel der Großstädte und sprach im Jugendslang zu den Bewohnern, wodurch er leicht einen Zugang zur Straßenszene bekam und dort viele Anhänger gewann.

Als nationaler Sprecher der Nation of Islam prangerte Malcolm X den Rassismus der weißen Gesellschaft an. Immer wieder zeigte er Verbindungen zwischen der amerikanischen Geschichte und der Versklavung der Afrikaner auf. Die Weißen seien schon deshalb „Teufel“, weil sie jederzeit als solche handelten. Sie lynchten Schwarze und predigten den Schwarzen gegenüber „Gewaltlosigkeit“. Sie gäben ihnen die miesesten Jobs und erklärten, Schwarze taugten zu nichts anderem. Sie verhinderten die Bildung der Afroamerikaner und nahmen an deren Analphabetismus Anstoß. Sie redeten liberal und handelten rassistisch.

Dabei bremste die Nation of Islam, die sich unter der straffen Führung der inneren Hierarchie unter dem „Botschafter Allahs“ Elijah Muhammad als Religionsgemeinschaft verstand (wenn ihre Lehre auch in vielen Punkten nicht dem orthodoxen Islam entspricht), konkrete politische Protestaktionen. Ihr Aktivismus richtete sich zudem ausschließlich an Männer. Frauen können in der Nation of Islam keine wichtigen Funktionen übernehmen, der Fruit of Islam, der Selbstverteidigungsorganisation der Schwarzen Muslime, nicht beitreten und werden auf eine vermeintlich „natürliche“ Rolle als Hausfrau und Mutter verwiesen, auf die sie in eigenen Kursen gezielt vorbereitet werden.

Die Nation – und vor allem Malcolm X als ihr Aushängeschild – wurde in den Medien zum Feindbild stilisiert. Malcolm, der sich selbst als Vertreter des Rechtes der Schwarzen auf Selbstverteidigung betrachtete, wurde als gewalttätiger „Hass-Prediger“ und „schwarzes Monster“ betrachtet. Die Betonung einer eigenständigen, kämpferischen, afroamerikanischen Geschichte, der Stolz, den die „Schwarzen Muslime“ mit ihrem Schwarz-Sein verbanden, ihre Kompromisslosigkeit und Radikalität machten die Nation of Islam zu einem wichtigen Ansprechpartner für die wachsende Ungeduld und Wut der afroamerikanischen Ghetto-Jugend. Die Nation of Islam und mit ihr Malcolm X trugen mit diesem Ansatz des „Schwarzen Nationalismus“ wesentlich, wenn auch nicht bruchlos, zur „Black-Power-Bewegung“ der 1960er Jahre bei und waren gewissermaßen ihr Vorläufer.

Malcolm X 1964 im Queens Court

1958 heiratete Malcolm X Betty Jean Sanders, die als Pflegerin für die Organisation arbeitete. Im Laufe ihrer Ehe bekamen sie sechs Töchter: Attallah (* 16. November 1958); Qubilah (* 25. Dezember 1960); Ilyasah (* 22. Juli 1962); Gamilah Lamumbah (* 4. Dezember 1964) und die Zwillinge Malaak und Malikah, die am 30. September 1965, sieben Monate nach der Ermordung ihres Vaters, zur Welt kamen. Malikah starb im November 2021 im Alter von 56 Jahren.[16]

Konflikt mit der Bürgerrechtsbewegung

Malcolm X war ein radikaler Kritiker der beginnenden Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King. Dessen gewaltlose Integrationsstrategie war besonders unter den Schwarzen aus den ländlich geprägten Südstaaten und innerhalb der kleinen schwarzen Mittelschichten stark, die in der Mehrheit ein Ende der Rassentrennung und einen Anteil am „American Dream“ erlangen wollten. Für sie war der Norden der USA vielfach immer noch so etwas wie das „Gelobte Land“. Sie hegten die Hoffnung, endlich von den Weißen akzeptiert zu werden. Ganz anders Malcolm X. Er kannte die oft von Armut geprägten Schwarzenviertel im Norden, war in ihnen als „Detroit Red“ groß geworden. Malcolm X sprach für die afroamerikanischen Slumbewohner des Nordens, die keine Hoffnung mehr in weiße „Liberale“ setzten, weil sie auf ihrem Weg von den Plantagen in die Ghettos erfahren hatten, dass es auf Seiten der Weißen keinen Raum für ihren Fortschritt gab.

Malcolm X (rechts) bei einer Diskussion mit Martin Luther King (links)

Kings christlich-gewaltloser Ansatz war für Malcolm X in dieser Phase seines Lebens nur ein weiterer Versuch, Gerechtigkeit bei den Weißen zu erbetteln, die aus seiner Sicht ihre Unwilligkeit bereits zur Genüge demonstriert hatten. Entsprechend war King für ihn ein „Onkel Tom“. Im Rahmen seiner Grassroot-Vorträge im Jahre 1963 prägte er die Unterscheidung zwischen dienstbaren „Hausnegern“ – wozu er King zählte – als Helfer der Weißen bei der Unterdrückung der rebellischen „Feldneger“. Dieser Vergleich erlangte internationale Berühmtheit und noch 2009 bezeichnete Al-Zawahiri, ein führendes Mitglied der al-Qaida, den neugewählten US-Präsidenten Barack Obama in Anspielung an diese Rede als „Hausneger“.

400 Jahre Herrschaft der Weißen hatten aus Sicht von Malcolm X gezeigt, dass sie keine Kompromisse wollen würden und dass die Rede von Gleichberechtigung nichts als Heuchelei sei. Malcolm X hielt daher Aufforderungen nach Gewaltlosigkeit für ein Verbrechen der Weißen (und ihrer schwarzen „Onkel Toms“) an seinem Volk. Die Weißen hatten aus seiner Sicht immer wieder die Sprache der Gewalt gewählt, also sollten die Schwarzen seiner Meinung nach damit beginnen, „ihre Sprache zu sprechen“, um verstanden zu werden. Die Afroamerikaner sollten aufstehen und tun, was auch immer nötig sei, um sich selbst zu verteidigen, „by any means necessary“.

Um ihr Selbstbewusstsein zu erwecken, müssten die Afroamerikaner sich ihre eigene, von den Weißen verfälschte Geschichte neu aneignen. Die weiße Geschichtsschreibung habe den Afroamerikanern den Ruf angedichtet, unterwürfig, dumm, harmlos und ignorant zu sein, und sie dadurch „psychologisch kastriert“. Die Schwarzen hätten aber immer Widerstand geleistet, z. B. durch bewaffnete Aufstände gegen die Sklaverei. Die weiße Lüge, Afrika sei lediglich ein wilder Dschungel und die Schwarzen seien erst durch sie zivilisiert worden, habe einen ähnlichen Effekt gehabt. Diese Ideologie müsse hinweggefegt werden und die „Neger“ (wie sich Schwarze damals untereinander bezeichneten) müssten beginnen, sich zugleich als Afrikaner und als Amerikaner, als Afroamerikaner, zu sehen.

Bruch

Mit dem Wachsen der Nation of Islam, für die auch Malcolm X als wichtiger Tempelleiter eine große Rolle spielte, wuchs der Reichtum von Elijah Muhammad und seiner Familie. Stimmen wurden laut, die Muhammad Korruption, Bereicherung und Verbindungen zu weißen Befürwortern der Rassentrennung vorwarfen. Malcolm X tat diese Vorwürfe zunächst als Gerüchte ab.

Ende 1963 distanzierte sich jedoch Malcolm X zusehends von seinem Ziehvater. Zu einem ersten offenen Konflikt kam es im Dezember, als Malcolm die Ermordung John F. Kennedys mit der Redewendung „a case of chickens coming home to roost“ (sinngemäß: „Die Fehler, die man begeht, fallen auf einen zurück.“) kommentierte, was ihm weitreichende Empörung und eine Verurteilung, gefolgt von einem 90-tägigen Redeverbot, seitens der Nation of Islam einbrachte. Ein weiterer Konfliktstoff lag in Elijah Muhammads außerehelichen Affären, die dieser damit rechtfertigte, er müsse als letzter der Propheten die Sünden aller Propheten wiederholen. Nach seinem Bruch mit der Nation of Islam erklärte Malcolm im Juni 1964 wiederholt öffentlich, dass Elijah Muhammad nicht weniger als sechs außereheliche Kinder habe.

Seinen Bruch mit der Nation of Islam erklärte Malcolm X schließlich öffentlich am 8. März 1964. Bei derselben Gelegenheit kündigte er an, eine eigene Organisation zu gründen, die Muslim Mosque Inc., die auf orthodoxe islamische Prinzipien gegründet sein sollte. Ihr sollte ein politisches Gremium angeschlossen sein, die Organization of Afro-American Unity (OAAU).[17] Zu seinem bisherigen Verhältnis zur Nation of Islam und Elijah Muhammad im Besonderen sagte Malcolm X: „Ich war ein Papagei. Jetzt ist der Papagei dem Käfig entsprungen.“ In seinem letzten Jahr wandte er sich nunmehr der afroamerikanischen Befreiungsbewegung zu. Er wollte nicht mehr nur reden, sondern endlich Taten sehen. Allerdings wollte Malcolm Muslim bleiben: „Immer wenn ich eine Religion sehe, die mich nicht für mein Volk kämpfen lassen will, sage ich: zur Hölle mit dieser Religion, deshalb bin ich ein Muslim.“

Malcolms OAAU-Organisation bestand aus ungefähr 50 ehemaligen NOI-Mitgliedern.[17] Mit der Muslim Mosque Inc. war zweierlei beabsichtigt: Sie sollte den früheren Mitgliedern der Nation of Islam ein neues religiöses Zentrum sein und gleichzeitig den anschwellenden, afroamerikanischen Befreiungskampf politisch intensivieren. „Unsere Religion ist der Islam, unsere Philosophie ist ‚Schwarzer Nationalismus‘“, beschrieb Malcolm. Er wollte dazu beitragen, die Afroamerikaner über ihre internen Klassenschranken hinweg politisch zu einigen, und attackierte andere Wortführer der afroamerikanischen Bewegung wie Martin Luther King in der kompromisslosen Schärfe von einst. Alle verfügbaren Hebel galt es jetzt zu nutzen; seine Alternative zur Befreiung der Afroamerikaner lautete nunmehr: Wahlzettel oder Kugel, „the ballot or the bullet“.

Letzte Jahre

Reisen nach Mekka und Afrika

Eine wichtige Rolle in Malcolms Neuorientierung spielte seine Pilgerfahrt nach Mekka, die er im April 1964 unternahm. Im selben Jahr hielt er sich auch in Gaza auf.[18] Das Geld dafür lieh er sich von der Halbschwester. Die Einigkeit aller Völker und Rassen beeindruckte ihn so sehr, dass er seine rassistische Einstellung überdachte. Er schloss sich dem sunnitischen Zweig des Islam an und nannte sich von nun an El Hajj Malik el-Shabazz, blieb aber auch weiterhin unter seinem früheren Namen bekannt.

Im Anschluss an seinen Mekka-Aufenthalt machte er eine über vier Monate dauernde Reise durch Afrika. Der Kontakt mit antikolonialistischen Kämpfern hinterließ in seinem Denken einen bleibenden Eindruck: So kam er zu der Überzeugung, dass das orthodox-islamische Frauenbild einer grundlegenden Korrektur bedürfe, weil in fortschrittlichen Staaten auch die Frauen fortschrittlich und kämpferisch seien.

Verbindung zum afrikanischen Befreiungskampf

Malcolm X stellte nun auch einen internationalen Zusammenhang zwischen afrikanischem und afroamerikanischem Befreiungskampf her, die nicht voneinander zu trennen seien, weil Rassismus in den USA des Rassismus des Weltmarktes bedurfte und umgekehrt. Für diese Haltung war auch grundlegend, dass viele, die gerade die Unabhängigkeit erkämpft hatten, sozialistischen Modellen folgten: „Es ist unmöglich für einen Weißen, an den Kapitalismus und nicht zugleich an den Rassismus zu glauben. Es gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus.“ Es seien daher dieselben Strukturprinzipien, die die Afroamerikaner in den USA wie die Afrikaner auf dem Kontinent unterdrückten. Die internationale Ausbeutung der „Dritten Welt“ entspreche der nationalen der Afroamerikaner (und anderer „Dritte-Welt-Menschen“ in den kapitalistischen Metropolen). Daher „können wir keinen Schritt schneller vorangehen als die Afrikaner“. Seiner Meinung nach sei ein Vorwärtskommen allein im nationalen Maßstab nicht mehr möglich. Dem Ziel, diese internationalen Herrschaftsverhältnisse zu bekämpfen und dazu die Befreiungskämpfe von Afrikanern und Afroamerikanern effektiv miteinander zu verbinden, galt fortan sein ganzes Engagement.

Nach seiner Rückkehr in die USA initiierte er deshalb die Organisation für die afroamerikanische Einheit (OAAU). Sie sollte Verbindungen zwischen Afroamerikanern und Afrikanern schaffen und in die nationale Bürgerrechtsbewegung eingreifen. Im Gegensatz zu seiner Linie zur Zeit in der Nation of Islam war er jetzt auch bereit, die Unterstützung und Hilfe der Weißen anzunehmen und anzuerkennen, soweit sie konsequent für ein Ende der Rassentrennung eintraten; er verabschiedete sich von jedwedem Biologismus und stellte das konkrete Handeln eines Menschen, egal welcher Hautfarbe, in den Mittelpunkt. Einer Mitgliedschaft von Weißen in seiner Organisation stand er jedoch erst nach einer Etablierungsphase offen gegenüber, weil er meinte, „dass es keine schwarz-weiße Einheit geben könne, bevor nicht zuerst schwarze Einheit erreicht worden ist“.

Autobiographie

Ab 1963 schrieb er an einer Autobiographie, an der Alex Haley mitwirkte. Sie wurde unter dem Titel The Autobiography of Malcolm X noch im Jahr seiner Ermordung veröffentlicht. Das Buch ist seit Erscheinen ein Bestseller und wurde 1998 von TIME als eines der 10 bedeutendsten Non-Fiction Bücher des 20sten Jahrhunderts gelistet. Das Buch diente als Grundlage der Dokumentation Malcolm X (1972).

Ermordung

Foto vom Tatort

Nachdem Malcolm im Sommer 1964 Elijah Muhammads außereheliche Affären mehrmals öffentlich thematisiert hatte, stand er seit dem 16. Juni 1964 wegen anonymer Drohungen unter Polizeischutz. Eine Woche vor seiner Ermordung wurde ein Brandanschlag auf sein Haus verübt, in dem er sich zusammen mit seinen Kindern und seiner Frau zur Tatzeit aufhielt. Nach dem Brandanschlag, wenige Tage vor seinem Tod, gab Malcolm X ein Interview, in dem er seine Überzeugung äußerte, dass die Nation of Islam ihn töten möchte.[19]

Am 21. Februar 1965 hielt er im Audubon Ballroom in Washington Heights einen Vortrag, als zwei Zuhörer einen Streit begannen. Als die Bodyguards Malcolm X ungeschützt auf der Bühne zurückließen, um sich um die Störenfriede zu kümmern, trat ein Mann vor, zog eine abgesägte Schrotflinte aus seinem Mantel und schoss direkt auf Malcolm X. Anschließend schossen noch zwei weitere Attentäter auf ihn, insgesamt stellte der Gerichtsmediziner 21 Schusswunden fest. Das ausbrechende Chaos wurde durch die Explosion einer Rauchbombe noch verstärkt und ermöglichte zwei Attentätern die Flucht. Lediglich der dritte Attentäter, Thomas Hagan, wurde bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.[20][21]

Ermittlungen, Anklagen und Urteile wegen des Mordes

Verurteilung von Thomas Hagan

Der damals 23-jährige Thomas Hagan, ein Mitglied der Nation of Islam, gestand das Attentat auf Malcolm X. 1966 bezeichnete er aber seine beiden Mitangeklagten Muhammad Abdul Aziz und Kahlil Islam als unschuldig. Alle drei Angeklagten wurden zu einer Haftstrafe von 20 Jahren bis lebenslang verurteilt. In einem Affidavit (Äußerung unter Eid) von 1977 erklärte Hagan, dass er die Ermordung von Malcolm X mit mehreren Komplizen, zu denen seine Mitangeklagten nicht gehörten, geplant hatte, um Vergeltung für dessen Kritik an Elijah Muhammad zu üben. Zum Tathergang sagte er aus, dass zunächst ein Mann mit einer Schrotflinte und dann er und ein weiterer Komplize auf Malcolm X geschossen hätten. Hagan wurde schließlich am 27. April 2010 auf Bewährung entlassen.[22][23][24] Muhammad A. Aziz und Khalil Islam, die ihre Unschuld stets beteuert hatten, waren in den 1980er Jahren aus der Haft entlassen worden.[25] New Yorks Staatsanwalt Cyrus Vance Jr. ließ die Schuldsprüche gegen die beiden nach einer 22 Monate andauernden Untersuchung im November 2021 annullieren und räumte „schwere Justizirrtümer“ ein, da Staatsanwälte, die Bundespolizei FBI und die New Yorker Polizei nach der Ermordung von Malcolm X Beweismittel zurückhielten, die zum Freispruch beider geführt hätten.[26] Im November 2022 wurde Aziz und Islam sowie ihren Familien eine Entschädigungssumme von 36 Millionen US-Dollar zugesprochen.[27]

Weitere Recherchen

Anfang April 2011 erschien in den USA die vom US-Historiker Manning Marable geschriebene Biographie Malcolm X: A Life of Reinvention (Malcolm X: Ein Leben der Neuerfindung). In ihr behauptet Marable, dass die meisten Beteiligten des bis heute nicht völlig geklärten Mordkomplotts weiterhin auf freiem Fuß seien. Darüber hinaus hätten das FBI und die Polizei, die Malcolm überwachten[28], vorab von den Attentatsabsichten erfahren, es aber bewusst geduldet und keine Schutzmaßnahmen ergriffen.[20][29][30]

In der Dokumentations-Miniserie Who Killed Malcolm X? von Netflix werden die Namen der beteiligten Attentäter aus der eidesstattlichen Versicherung von Thomas Hagan genannt und deren Verbleib, die Zusammenhänge werden von Abdur-Rahman Muhammad[31], der sie ermittelt hat, dargestellt.[32] Die tödlichen Schüsse stammten laut Obduktionsbericht aus der Schrotflinte, sie sollen von Al-Mustafa Shabazz, später William Bradley, abgegeben worden sein.[31]

Klage gegen CIA, FBI und NYPD

Im Jahr 2021 veröffentlichten Nachfahren von Malcolm X einen Brief eines verstorbenen verdeckten Ermittlers. Dieser behauptet in dem Schreiben, dass FBI und NYPD an der Vorbereitung der Ermordung von Malcolm X beteiligt waren. So habe der Ermittler von seinen Vorgesetzten die Anweisung erhalten, zwei Sicherheitsleute von Malcolm X zur Begehung von Straftaten zu verlocken, um sie anschließend festzunehmen. Tatsächlich ging der Plan der Behörden auf und die Bodyguards wurden vor der Ermordung festgenommen, sodass sie eine Eingangskontrolle vor Malcolms Vortrag, bei dem er ermordet wurde, nicht durchführen konnten.[28][33]

Im Jahr 2024 verklagten die Töchter von Malcolm X die CIA, das FBI und die New Yorker Polizei. In der Klageschrift werden die Vorwürfe aus dem Jahr 2021 wiederholt. Auch seien zur Tatzeit Bundesagenten im Saal gewesen; sie hätten aber nicht eingegriffen. Anschließend sei die Verbindung zwischen Behörden und Mördern „von Regierungsagenten aktiv verschwiegen, geduldet, geschützt und gefördert“ worden. Die Klageschrift fordert eine Entschädigung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar.[34]

Rezeption

Der Einfluss von Malcolms Ansichten auf die Schwarzenbewegung spiegelte sich 1966, ein Jahr nach dessen Ermordung, in der Gründung der Black Panther Party wider.

Das amerikanische Rap-Duo Gang Starr verwendete einen Auszug aus Malcolms Rede Message to the Grass Roots in dem Stück Tonz 'O' Gunz, enthalten auf dem Album Hard to Earn.[35] Darin heißt es: “If violence is wrong in America, violence is wrong abroad.”[36] Bereits 1988 sampelte die Band Living Colour die ersten zehn Sekunden dieser Rede in ihrem Lied Cult of Personality.

Filmische Bearbeitungen

  • 1959: der Dokumentarfilm mit dem Titel „The Hate That Hate Produced“ war eigentlich gegen die Nation of Islam gerichtet, brachte Malcolm X jedoch erhöhte Aufmerksamkeit und führte zu zahlreichen neuen Mitgliedern.
  • Der Dokumentarfilm mit dem Titel Malcolm X aus dem Jahr 1972 war 1973 für einen Oscar als bester Dokumentarfilm (Feature) nominiert.[37]
  • Ebenfalls 1972 wurde mit The Silent Revolution ein weiterer Dokumentarfilm veröffentlicht, bei dem Auftritte von Malcolm X gezeigt werden. Auch diese Produktion war für einen Oscar nominiert.
  • 1977 wurde Malcolm X durch James Earl Jones im Film „The Greatest“ dargestellt.
  • 1978: Dick Anthony Williams spielt Malcolm X in der Fernsehserie „King“.
  • 1979: Al Freeman, Jr., der in Spike Lees Film Malcolm X Elijah Muhammad spielen wird, spielt Malcolm X in „Roots: The Next Generations.“
  • Aus dem Jahr 1981 stammt eine TV-Verfilmung der letzten 24 Stunden des Lebens von Malcolm X namens Death of a Prophet (dt. Titel: Malcolm X – Tod eines Propheten) mit Morgan Freeman in der Hauptrolle.
  • 1986: Ben Holt spielt Malcolm X in der Oper X: The Life and Times of Malcolm X an der New York City Opera.
  • 1989: Dick Anthony Williams spielt Malcolm X wieder, diesmal in „The Meeting“.
  • Malcolm X’ Leben wurde 1992 von Spike Lee mit Denzel Washington in der Hauptrolle verfilmt, siehe Malcolm X.
  • Die letzten Tage einer Legende – Malcolm X. Dokumentation, 60 Min., Produktion: The Biography Channel, Erstausstrahlung: 3. Juli 2008 von The Biography Channel, 2008
  • 2000: Gary Dourdan spielt Malcolm X im Fernsehfilm „King of the World“
  • 2000: Joe Morton spielt Malcolm X im Fernsehfilm „Ali: An American Hero“
  • 2001: Mario Van Peebles spielt Malcolm X im Spielfilm Ali.
  • 2020: Who Killed Malcolm X?, sechsteilige Filmdokumentation auf Netflix.
  • 2020: Kingsley Ben-Adir spielt ihn in One Night in Miami

Werke

  • Malcolm X & Alex Haley: Malcolm X. Die Autobiographie (The autobiography of Malcolm X). überarb. Neuaufl. Atlantik, Bremen 2003, ISBN 3-926529-14-8; zuvor Agipa-Press, Bremen und Harald Kater, Berlin 1992; Heyne TB 1993, ISBN 3-453-06708-8 (Rezension in der Annotierten Bibliografie der Politikwissenschaft).
  • George Breitman (Hrsg.): By any means necessary. Pathfinder Press, New York 1992, ISBN 0-87348-754-0.
  • George Breitman (Hrsg.): Malcolm X on Afro-American History. Pathfinder Press, New York 1992, ISBN 0-87348-592-0 (Nachdruck der Ausgabe New York 1967).
  • George Breitman (Hrsg.): Malcolm X speaks. Selected speeches and statements. Pathfinder Press, New York 1993, ISBN 0-87348-546-7.
  • Archie Epps (Hrsg.): Speeches at Harvard. Paragon House, New York 1991, ISBN 1-55778-479-5 (Nachdruck der Ausgabe New York 1968).
  • Bruce Perry (Hrsg.): The last speeches. Pathfinder Press, New York 1989, ISBN 0-87348-543-2.
  • Malcolm X: Wahl oder Waffe. Rede am 3. April 1964 in der Cory Methodist Church, Cleveland. Mit einem Essay von Thomas Rothschild, eva Reden Band 23, Hamburg 1996, ISBN 3-434-49989-X.

Literatur

  • Joe Wood (Hrsg.): Malcolm X in our own image. Doubleday, New York 1992, ISBN 0-385-47141-6.
  • Jan Carey: „Geister in unserm Blut“. Mit Malcolm X auf den Spuren schwarzer Identität. Aus dem Engl. Ghosts in our blood. Atlantik, Bremen 1997, ISBN 3-926529-10-5.
  • Britta Waldschmidt-Nelson: Martin Luther King und Malcolm X. Fischer TB, Frankfurt 2002, ISBN 3-596-14662-3.
  • George Breitman: The last year of Malcolm X. The evolution of a revolutionary. Pathfinder, New York 2004, ISBN 0-87348-004-X.
  • Robert Terrill (Hrsg.): The Cambridge Companion to Malcolm X. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-73157-7.
  • Manning Marable: Malcolm X: A Life of Reinvention. The Penguin Press, New York 2011, ISBN 978-0-670-02220-5.
  • Les Payne, Tamara Payne: The Dead Are Arising: The Life of Malcolm X. Liveright, New York 2020, ISBN 978-1-63149-166-5.
  • Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär, 2., aktualisierte Auflage, C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-83253-6 (zuerst 2015).
Commons: Malcolm X – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 44–45
  2. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 40–41, 46–47
  3. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 15–16
  4. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 47, 50–52, 59
  5. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 47–50, 53
  6. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 54–58
  7. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 57–60, 63
  8. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 61–64
  9. Malcolm X-Ella Little Collins House im National Register Information System. National Park Service, abgerufen am 17. Februar 2026.
  10. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 64, 66–72, 77–79
  11. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 73–77, 79–80, 88–89
  12. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 80–83
  13. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 83–85
  14. Britta Waldschmidt-Nelson: Malcolm X. Der schwarze Revolutionär 2., aktualisierte Auflage, 2025, S. 85–
  15. Malcom X, Alex Haley: The Autobiography of Malcom X : as told to Alex Haley. The Random House Publishing Group, New York 1964, ISBN 978-0-345-37671-8, S. 185.
  16. Annette Berger: Tochter von Malcolm X tot in ihrer New Yorker Wohnung gefunden. In: Stern, 23. November 2021. Abgerufen am 23. November 2021.
  17. a b Marsh: From Black Muslims to Muslims. 1984, S. 80.
  18. Sylvie Laurent: Malcolm X in Palästina – Als sich die schwarzen Bürgerrechtler von ihren bibeltreuen Eltern emanzipierten und ihre Sympathie für die Palästinenser entdeckten. In: Barbara Bauer, Anna Lerch (Hrsg.): Le Monde diplomatique. Nr. 2/25. TAZ/WOZ, Februar 2019, ISSN 1434-2561, S. 7.
  19. Malcolm X’s Close Call in Queens. In: The New York Times. 31. Januar 2016, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 22. Februar 2021]).
  20. a b Entzauberung eines Mythos, einestages – Zeitgeschichten auf Spiegel Online, 7. April 2011
  21. Peter Louis Goldman: The Death and Life of Malcolm X. University of Illinois Press 1979, ISBN 0-252-00774-3, S. 273–274 (Auszug in der Google-Buchsuche)
  22. Neue Spekulation über Mord an Malcolm X in: Spiegel Online vom 2. April 2011
  23. Malcolm X gunman released on parole after 45 years. BBC News, 28. April 2010
  24. Andy Newmann, John Eligon: Killer of Malcolm X Is Granted Parole. New York Times, 20. März 2010
  25. Malcolm X: Zwei als Mörder von Malcolm X Verurteilte sollen freigesprochen werden. In: Der Spiegel. 17. November 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 17. November 2021]).
  26. Malcolm X: Zwei Schuldsprüche wegen Mordes an US-Bürgerrechtler aufgehoben. In: Der Spiegel. 19. November 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 19. November 2021]).
  27. n-tv NACHRICHTEN: Zu Unrecht inhaftierte Männer erhalten 36 Millionen Dollar. Abgerufen am 2. November 2022.
  28. a b Malcolm X family says letter shows NYPD and FBI conspired in his murder. 21. Februar 2021, abgerufen am 22. Februar 2021 (englisch).
  29. Neue Spekulation über Mord an Malcolm X in: Spiegel Online vom 2. April 2011
  30. Hugh Muir: Malcolm X: the man behind the myth. Guardian, 7. April 2011
  31. a b Who Is Abdur-Rahman Muhammad, From The New Documentary 'Who Killed Malcolm X?' 11. Februar 2020, abgerufen am 21. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  32. Who Killed Malcolm X? Abgerufen am 21. Februar 2020.
  33. Malcolm X: Nachkommen von Bürgerrechtler belasten Polizei und FBI schwer. In: Der Spiegel. 22. Februar 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 31. Oktober 2022]).
  34. Töchter von Malcolm X verklagen CIA, FBI und New Yorker Polizei. In: Der Spiegel. 16. November 2024, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 16. November 2024]).
  35. Whosampled Fire & Fury Grass Roots Speech, Zitat zum Nachhören.
  36. Zitat zum Nachlesen. (Englisch)
  37. Malcolm X. In: Zelloloid.de. Archiviert vom Original am 7. Juni 2015; abgerufen am 6. September 2018.

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A photograph of the Malcolm X Ella L. Little-Collins House in Roxbury, MA.
Malcolm X bullet holes2.jpg
Bullet holes in back of stage where Malcolm X was shot. Photographic print.
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Malcolm X, aufgenommen am 26. März 1964, auf den Beginn einer Pressekonferenz wartend
MLK and Malcolm X USNWR cropped.jpg
Martin Luther King, Jr. and Malcolm X meet before a press conference. Both men had come to hear the Senate debate on the Civil Rights Act of 1964. This was the only time the two men ever met; their meeting lasted only one minute.
Malcolm X NYWTS 4.jpg
Portrait photograph of Malcolm X in 1964