Klassische Musik

Die Bezeichnungen Klassik oder klassische Musik können je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben. In einem engen musikwissenschaftlichen Sinn werden unter Klassik im deutschen Sprachraum die vorherrschenden europäischen Stile der Kunstmusik von etwa 1730 bis 1830 verstanden.[1] In einem weiteren, umgangssprachlichen Sinn werden Klassik oder klassische Musik als Bezeichnungen für die gesamte Tradition der europäischen Kunstmusik verwenden. In Zusammensetzungen kann klassische Musik auch weitere, wie etwa außereuropäische oder populäre, Musiktraditionen bezeichnen.

Überblick

Die europäische Kunstmusik unterscheidet sich weitgehend von vielen anderen außereuropäischen klassischen und einigen populären Musikformen durch ihr Notensystem, das etwa seit dem 11. Jahrhundert verwendet wird.[2][3] Katholische Mönche entwickelten die ersten Formen moderner europäischer Musiknotation, um die Liturgie in der gesamten Kirche zu vereinheitlichen. Im Gegensatz zu den meisten populären Stilen, die die (strophische) Form des Liedes oder eine Ableitung dieser Form annahmen, ist die klassische Musik für die Entwicklung hoch entwickelter Formen der Instrumentalmusik wie Symphonie, Konzert, Fuge, Sonate und gemischter vokaler und instrumentaler Stile wie Oper, Kantate und Messe bekannt.[4]

Der Begriff „klassische Musik“ tauchte erst Anfang des 19. Jahrhunderts auf, um die Zeit von Johann Sebastian Bach bis Ludwig van Beethoven eindeutig als goldenes Zeitalter zu kanonisieren.[5] Der früheste Hinweis auf „klassische Musik“, der vom Oxford English Dictionary aufgenommen wurde, stammt von etwa 1829.[6][7]

Epochen

Das Lexikon Die Musik in Geschichte und Gegenwart gliederte in seiner ersten Ausgabe nach Epochen, die Darstellung wurde auch separat als Epochen der Musikgeschichte in Einzeldarstellungen[8] veröffentlicht, dort mit den Kapiteln Ars antiqua, Ars nova, Humanismus, Renaissance, Barock, Klassik, Romantik, Neue Musik. Die heutige Musikwissenschaft distanziert sich vom Epochenbegriff, die aktuelle Reihe Bärenreiter Studienbücher Musik behält aus pragmatischen Gründen dennoch diese Gliederung bei.[9] Dem Begriff der „Epoche“ wird die „Periode“[10] oder der „zeitliche Abschnitt“[11] vorgezogen, wobei unscharfe Grenzen und Überlappungen betont werden.

Die Übergänge sind fließend; so wird der Impressionismus der Moderne und der Spätromantik zugeschrieben. Ab dem 20. Jahrhundert finden sich Rückgriffe auf die klassische Musik als Kunstmusik, in der Instrumentierung oder auch direkt stilistisch im musikalischen Impressionismus, Expressionismus, Neoklassizismus, in der Neuen Musik und vielfach auch in der Filmmusik. Diese werden oft ebenfalls als neuere Richtungen der klassischen Musik selbst angesehen; eine trennscharfe Abgrenzung existiert nicht.

Merkmale

Angesichts der großen Bandbreite an Stilen in der europäischen klassischen Musik, vom mittelalterlichen, von Mönchen gesungenen Gregorianischen Choral über klassische und romantische Symphonien für Orchester aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis hin zu avantgardistischen atonalen Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, ist es schwierig, Merkmale aufzulisten, die allen Werken dieser Art zugeschrieben werden können. Dennoch ist ein universelles Merkmal der seit dem späten 13. Jahrhundert entstandenen klassischen Musik[12] die unveränderliche Anwendung eines standardisierten Systems präziser Mensuralnotation (die sich nach 1600 zur modernen Taktnotation entwickelte) für alle Kompositionen und ihre genaue Aufführung.[13] Die europäische Kunstmusik entwickelte ab dem 12. Jahrhundert die Polyphonie, in der mehrere Stimmen zugleich erklingen, dabei aber eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Für außereuropäische Musik wird diese Bezeichnung von Musikethnologen oft vermieden.[14] Die ersten Sinfonien entstanden während der Epoche der eigentlichen Klassik ab Mitte des 18. Jahrhunderts; das Sinfonie-Ensemble und die Kompositionen wurden zu ihren herausragenden Merkmalen.[15]

Instrumente und Gesang

Die Instrumente, die in den meisten Werken der klassischen Musik verwendet werden, wurden weitgehend vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, oft schon viel früher, erfunden und im 18. und 19. Jahrhundert systematisiert. Sie bestehen aus den Instrumenten eines Sinfonieorchesters sowie anderen Soloinstrumenten (wie Klavier, Cembalo oder Orgel). Zum Sinfonieorchester gehören Mitglieder der Familien der Streichinstrumente, Holz- und Blechblasinstrumente sowie der Schlaginstrumente. Aus einzelnen Instrumentengruppen oder Instrumenten können kleinere Klangkörper wie ein Kammerorchester, ein Harmonieorchester oder ein Ensemble gebildet werden. Vor allem in der Alten Musik kommen jedoch auch nicht-sinfonische Einzelinstrumente, wie z. B. Theorben oder Gamben, zum Einsatz.

Die Praktiken des Gesangs änderten sich im Laufe der Zeit vom einzeiligen, monophonen Gregorianischen Gesang der Mönche im Mittelalter bis hin zu den komplexen, polyphonen Chorwerken der Renaissance und späterer Epochen, in denen mehrere selbständige Gesangsmelodien gleichzeitig verwendet wurden.

Weitere Bedeutungen

Auch bei nicht-westlichen (präziser aus westlicher Sicht: bei von außerhalb der eigenen Kultur stammenden[16]) Musikkulturen spricht man von klassischer Musik, um ältere Traditionen von der modernen Popularmusik abzugrenzen, zum Beispiel klassische arabische Musik, klassische türkische Musik, klassische indische Musik oder klassische chinesische Musik.

Mit klassisch kann im Unterschied zur elektronisch verstärkten Popmusik auch das klassische Instrumentarium gemeint sein. In diesem Fall werden auch populäre Formen wie Tanzmusik, Blasmusik, Sinfonik in der Filmmusik oder die gehobene Unterhaltungsmusik zur klassischen Musik gerechnet.

Auch andere, etwa populäre, Musikstile werden als klassisch bezeichnet, wenn sie sich an den Ursprüngen einer bestimmten Musiktradition orientieren (z. B. klassischer Rock ’n’ Roll, klassischer New-Orleans-Jazz).

Siehe auch

  • Liste von Klassik-Interpreten

Einzelnachweise

  1. Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik. 1. Auflage. dtv, München 2001, ISBN 978-3-7618-2120-6, S. 333 ff. (6. Auflage 2012, ISBN 978-3-423-08599-1)
  2. musical notation | Description, Systems, & Note Symbols. Abgerufen am 24. Februar 2020 (englisch).
  3. Neume, Staff: Harvard Dictionary of Music (2nd edition, 1972).
  4. Julian Johnson (2002). Who Needs Classical Music?: Cultural Choice and Musical Value. Oxford University Press.
  5. Rushton, Julian, Classical Music, (London, 1994), 10
  6. Michael Kennedy (2006), The Oxford Dictionary of Music, 985 pages, ISBN 0-19-861459-4
  7. The Oxford English Dictionary (2007). "classical, a." The OED Online. Abgerufen am 10. Mai 2007. 1829 V. Novello Diary 26 July in V. Novello & M. Novello Mozart Pilgrimage (1955) 181 This is the place I should come to every Sunday when I wished to hear classical music correctly and judiciously performed.
  8. Epochen der Musikgeschichte in Einzeldarstellungen. Bärenreiter, Kassel 1974.
  9. Bsp.: Melanie Unseld: Musikgeschichte „Klassik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2022. Lorenz Luyken: Musikgeschichte „Romantik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2023.
  10. Don Michael Randel (Hrsg.): The Harvard dictionary of music. 4. Auflage 2003, ISBN 0-674-01163-5, S. 183f.
  11. Melanie Unseld: Musikgeschichte „Klassik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2022, S. 7.
  12. Kennedy 2006, S. 178.
  13. Willi Apel. "The notation of polyphonic music, 900–1600". Cambridge, Massachusetts: Mediaeval Academy of America. Abgerufen am 20. Mai 2019.
  14. Peter Cooke: Polyphony, II. Non-Western, 1. General. In: Grove music online, aufgerufen am 30. August 2023.
  15. Laurence Elliot Libin. "Symphony, music". Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 20. Mai 2019.
  16. Bruno Nettl: The Study of Ethnomusicology. Twenty-nine Issues and Concepts. University of Illinois Press, Urbana und Chicago 1983, ISBN 0-252-01039-6, S. 304 und 350.