Psychologische Kriegsführung

Collage verschiedener PSYOP-Operationen der U.S. Army im Irakkrieg 2003
Funkspruch an libysche Truppen, Internationaler Militäreinsatz in Libyen 2011

Der Ausdruck psychologische Kriegsführung (englisch: psychological warfare (PSYWAR))[1] bezeichnet im Militärwesen und in der Kriegsführung alle Methoden und Maßnahmen zur Beeinflussung des Verhaltens und der Einstellungen von gegnerischen Streitkräften sowie Zivilbevölkerung im Rahmen oder im Vorfeld militärischer Operationen. Dabei wird durch gezielte Falschinformation Einfluss auf die strategischen Erwägungen des Gegners genommen. Unter anderem ist psychologische Kriegsführung Methode von Geheimdiensten, wie sie beispielsweise mit der sogenannten Zersetzung in der DDR durch das Ministerium für Staatssicherheit gegen ihre eigene Bevölkerung angewendet wurde und wie sie die Five Eyes trainieren.[2]

Begriff

Der Begriff „psychologische Kriegsführung“ gilt als problematisch und anstößig. Der Einsatz von Militärmacht erstreckt sich zunehmend nicht mehr auf die Ebene des lokalen kriegerischen Konfliktes, sondern er globalisiert sich durch die Massenmedien. Häufig operiert man daher mit euphemistischen Begriffen wie „Befriedung“ oder „Stabilisierung“ in Spannungs- oder Konfliktgebieten (z. B. UN-Friedensmissionen) und bemüht sich, die bislang unverhüllte Terminologie entsprechend zu wandeln.

Im NATO-Sprachgebrauch hat sich der Begriff „Psychological Operations“ (PSYOPS) durchgesetzt, als Paralleldisziplin zu MEDIAOPS (Media Operations), worunter im zivilen Sprachgebrauch Public Relations bzw. Medienarbeit zu verstehen ist. PSYOPS und MEDIAOPS sind Teilgebiete von INFOOPS (Informational Operations).

Diesen begrifflichen Unterschieden und hierarchischen Zuordnungen entsprechen Entscheidungs- und Befehlswege. Die Bundeswehr hat als spezifische Form bzw. Doktrin der psychologischen Kriegsführung die Operative Information (OPINFO) entwickelt, was die NATO-Terminologie in gewisser Weise zusammenfasst.

Geschichte

Erstmals entwickelt und in vollem Umfang angewandt wurde die psychologische Kriegsführung im Mittelalter in der mongolischen Kriegführung.[3] Im Zuge der militärischen Reformen von Dschingis Khan, dem Anführer des mongolischen Reiches im 13. Jahrhundert n. Chr., wurden weniger subtile Methoden verwendet. Die Mongolen zogen es vor, den Willen des Feindes zu brechen, bevor sie angriffen. Sie forderten von den Siedlungen und Städten völlige Unterwerfung und bedrohten sie mit vollständiger Zerstörung, wenn sie sich weigerten. Wenn sie kämpfen mussten, um die jeweilige Siedlung zu erobern, erfüllten die mongolischen Generäle ihre Drohungen und massakrierten die Überlebenden zur Abschreckung. Geschichten der ziehenden Horde breiteten sich in die nächsten Dörfer aus und schufen eine Aura der Unsicherheit und Angst, die die Möglichkeit zukünftigen Widerstands untergrub.[4]

Im Zweiten Weltkrieg setzten sowohl die Achsenmächte als auch Alliierte auf die psychologische Kriegsführung.

Methoden

Als Methode der psychologischen Kriegsführung zählt alles, was die Moral der gegnerischen Kräfte stört, vermindert oder zerstört oder deren Wahrnehmung verfälscht. Propaganda und Gaslighting gehören ebenso wie brutale Abschreckungsbeispiele dazu.[6][7] Auch der unmittelbare Einsatz militärischer Mittel kann Elemente psychologischer Kriegsführung enthalten. So können Manöver nahe des Hoheitsgebiets eines potenziellen Gegners dessen Kampfeswillen schwächen oder Überfälle im Hinterland zur Verunsicherung gegnerischer Truppen führen.

Klassische Methoden bzw. Medien der psychologischen Kriegsführung sind auch das Verteilen von Handzetteln, das Betreiben von Sozialen Netzwerken (bspw. ZunZuneo), das Verbringen von Flugblättern per Flugzeug, Ballon, Granate oder Rakete, Lautsprecheraufrufe, das Manipulieren von Internetinhalten[8] oder Hörfunksender. Dabei nutzt man die Erkenntnisse der modernen Werbepsychologie: Flugblätter wurden etwa im Zweiten Weltkrieg auch im Stil der jeweiligen Landeswährung gefertigt und waren auf den ersten Blick kaum von einem auf der Straße liegenden Geldschein zu unterscheiden.

Siehe auch

Literatur

  • Paul Linebarger: Psychological Warfare. Nachdruck der 2. Ausgabe von 1954. Arno Press, New York NY 1972, ISBN 0-405-04755-X.
  • Ellic Howe: Die schwarze Propaganda. Ein Insider-Bericht über die geheimsten Operationen des britischen Geheimdienstes im Zweiten Weltkrieg. C. H. Beck, München 1983, ISBN 3-406-09673-5.
  • John R. MacArthur: Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften (= dtv. 30352). Deutscher Taschenbuchverlag, München 1993, ISBN 3-423-30352-2.
  • Eintrag: psychological warfare, in: Richard Holmes (Hg.): The Oxford companion to military history, Oxford University Press (Oxford u. a.) 2001, S. 741 f. ISBN 0-19-860696-6. ISBN 0-19-866209-2
  • Anne Morelli: Die Prinzipien der Kriegspropaganda. zu Klampen, Springe am Deister 2004, ISBN 3-934920-43-8.
  • Gert Sommer, Albert Fuchs (Hrsg.): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Beltz, Weinheim u. a. 2004, ISBN 3-621-27536-3.
  • Andreas Elter: Die Kriegsverkäufer. Geschichte der US-Propaganda 1917–2005 (= edition suhrkamp. 2415). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-518-12415-3.
  • P. W. Singer, Emerson Brooking: Likewar the Weaponization of Social Media. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2019, ISBN 978-0-358-10847-4.
  • Moritz Rauchhaus, Tobias Roth (Hrsg.): Eine Sammlung amerikanischer, britischer, deutscher, französischer und sowjetischer Feindflugblätter des Zweiten Weltkriegs. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020, ISBN 978-3-946990-41-3.
  • Führungsakademie der Bundeswehr: Krieg der Zukunft?! - Operative Herausforderungen des MultiDomain Battlefield für die Bundeswehr. Diese Hintergrundinformation ist im Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National 2020 an der Führungsakademie der Bundeswehr entstanden, Erscheinungsjahr 2022.
  • Jonas Tögel: Kognitive Kriegsführung. Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO, Westend-Verlag, Frankfurt (am Main) 2023. ISBN 978-3-98791-024-1. ISBN 978-3-86489-422-0
Commons: Psychologische Kriegsführung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Tyler Wall: US - Psychologische Kriegsführung und Zivile Beeinflussung U.S Psychological Warfare and Civilian Targeting. United States: Vanderbilt University (September 2010), S. 289, abgerufen am 10. Januar 2018.
  2. heise online: NSA-Skandal: Geheimdienste manipulieren und diskreditieren im Netz. Abgerufen am 20. März 2023.
  3. Johannes von Plano CarpiniKunde von den Mongolen. 1245–1247. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Felicitas Schmieder, Thorbecke, Sigmaringen 1997, ISBN 3-7995-0603-9
  4. David Nicolle: The Mongol Warlords: Genghis Khan, Kublai Khan, Hulegu, Tamerlane (2004) S, 21.
  5. Vgl. Ellic Howe: Uranias Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich. Beltz Athenäum, Weinheim 1995, ISBN 3-89547-710-9.
  6. S. C. Chekinov, ; S. A. Bogdanov:The Nature and Content of a New-Generation War (Memento vom 20. Februar 2015 im Internet Archive) (PDF). United States: Military Thought. S. 16, ISSN 0869-5636. Abgerufen am 10. Januar 2018.
  7. Béla Szunyogh: (1955), Psychological warfare; an introduction to ideological propaganda and the techniques of psychological warfare. United States: William-Frederick Press. S, 13. Abgerufen am 10. Januar 2018.
  8. heise online: NSA-Skandal: Geheimdienste manipulieren und diskreditieren im Netz. Abgerufen am 20. März 2023.

Auf dieser Seite verwendete Medien

Fliers over Herat Province 2010.jpg
Autor/Urheber: ISAF Headquarters Public Affairs Office from Kabul, Afghanistan, Lizenz: CC BY 2.0
U.S. Army SPC Travis E. Olsen, of 5-158 Bravo Company, releases fliers over the village of Mangan, in Herat Province, in an effort to educate local residents of various dangers. The leaflets are distributed throughout Regional Command West via airdrop to inform residents to stay away from possible ordnance found and not to be afraid of Afghan Security Force and Coalition military vehicles that will be traveling with ongoing missions throughout Afghanistan. (ISAF photo by Mass Communication Specialist 1st Class Laurie L. Wood)
301st PSYOP Company, USAR, Calif., and 3-7 Cavalry, Fort Stewart, Ga., soldiers give away school supplies in Safia Bint Abdul Mutaleb School in 2007.JPG
The 301st PSYOP Company, Army Reserve, Calif., and 3-7 Cavalry, Fort Stewart, Ga., soldiers give away school supplies in Safia Bint Abdul Mutaleb School.
PSYOP Speaker.jpg
US Army Specialists (SPC) Adam McDaniel, Alpha/Company, 9th Psychological Operations (PSYOP) Battalion, sets up a loudspeaker system in order to broadcast non-civilian interference messages to the local people in the town of Narizah, Afghanistan, during Operation Mountain Sweep, part of ongoing operations in Afghanistan conducted in support of Operation Enduring Freedom. SPC McDaniels weapon is a 5.56mm M4 carbine with a 40mm M203 grenade launcher attached.
8th Air Force psychological warfare leaflet.jpg
A leaflet meant to be dropped onto a German city. This is an example of psychological warfare on the part of the 8th Air Force. Translation:

On February 18, 1943, a few weeks after the catastrophe of Stalingrad, Dr. Goebbels posed a mass gathering in Berlin's Sportpalast the question:

"DO YOU WANT TOTAL WAR?"

An enthusiastic "yes" was the Nazi gathering's answer. Today Germany knows what "total war" means, better than Goebbels and his yes-shouters in the Sportpalast foresaw. The total war that the Nazis wanted will be continued with ever severer force and effect until Germany capitulates unconditionally.

THE GERMAN PEOPLE MUST CHOOSE FOR THEMSELVES:

EITHER continuation of the total Nazi war until German manpower and industry is completely destroyed — OR: see back

The word weiss is a typographical error because the American printing presses lack the correct German letter ß.
PSYOPpics.JPG
From top to bottom, left to right:

(1) Photo self-taken (Iraq; 2003-2004), released into public domain by author.

(2) Photo from the USCAPOC Website: http://www.usacapoc.army.mil/images/gallery-leaflet-drop/008.html

Info - Maj. John Ross disperses 30,000 leaflets over a specific target location in Baghdad, Iraq on June 23. Ross is helping the 315th Tactical Psychological Operations Company drop leaflets which identify a known insurgent in order to alert the people of Baghdad that he is operating in their area and should be reported to the Iraqi police.

Sgt. Felix Fimbres, USACAPOC(A) Public Affairs Specialist ∙ June 23, 2009 ∙ Baghdad, Iraq

(3) Photo self-taken (Iraq; 2003-2004), released into public domain by author.

(4) Photo self-taken (Iraq; 2003-2004), released into public domain by author.

(5) Photo from the US Army Special Operations Website: http://news.soc.mil/imagery/USACAPOC/USACAPOC.htm

Info -

Spc. Jarod Delhotal, a psychological operations specialist assigned to Company B, 9th PSYOP Battalion, operates a portable loudspeaker as he broadcasts messages in Russian to role players in the Military Operations in Urban Terrain city at Range 68 on Feb. 5. (Photo by Sgt. Kyle J. Cosner, USASOC PAO)
NATO leaflet, 03-Q-02-L008.jpg
NATO leaflet 03Q-02-L008
Hanoi Hannah.png
Phát thanh viên Trịnh Thị Ngọ ‘Hannah Hà Nội’ tại Đài Tiếng nói Việt Nam năm 1966
PSYOP Team Detachment 1080, 318th PSYOP Company distribute products in East Rashid, Baghdad, July 2007.jpg
U.S. Army Soldiers with Detachment 1080, 318th Psychological Operations Company distribute "Baghdad Now" in the East Rashid region of Baghdad, Iraq, July 11, 2007. The periodical, which is put together by the 318th Psyop Co., has articles that discuss all manners of news from informing the public on global news as well as local issues, helping to legitimize the Iraqi forces that work with the United States, and any information regarding the security of the region. (U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist David Quillen) (Released) (Released to Public)
US PSYOP Libya.ogg
US PSYOP Libya