Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Bernhard-Nocht Institut für Tropenmedizin
KategorieForschungseinrichtung
Standort der EinrichtungHamburg
RechtsformStiftung des öffentlichen Rechts
Mitarbeitendemehr als 400
Gründung1. Oktober 1900
MitgliedschaftLeibniz-Gemeinschaft
Art der ForschungKlinische Forschung,

Molekularbiologie und Immunologie, Epidemiologie und Diagnostik, Implementationsforschung

LandDeutschland Deutschland
Websitehttps://www.bnitm.de/
Bild: © Ajepbah / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de
Turm des Haupthauses mit Relief „Schild mit Schale und Schlange, Mann mit Stab und Frau mit Amphore“ von Bossard

Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg ist das größte Institut für Tropenmedizin in Deutschland und beschäftigt heute mehr als 400 Mitarbeitende am Standort Hamburg. Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Geschichte

Die Choleraepidemie von 1892 forderte Tausende von Toten und veranlasste Senat und Bürgerschaft der Stadt Hamburg zu einer Reform des Gesundheitswesens. Die Gründung des Tropenmedizinischen Instituts erfolgte mit Unterstützung der Reichsregierung zur Erforschung von Schiffs- und Tropenkrankheiten und zur Ausbildung von Schiffs- und Kolonialärzten. Im Jahr 1893 wurde der Marinearzt Bernhard Nocht in das neu geschaffene Amt des Hafenarztes eingeführt. Zur ärztlichen Betreuung innerlich erkrankter Seeleute errichtete man ihm außerdem eine Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg. Entgegen den Plänen des Bakteriologen Robert Koch setzte Nocht 1899 Hamburg als Standort für ein Institut zur Erforschung der Tropenkrankheiten durch, da „durch den überseeischen Verkehr dort ein reiches Krankengut zu versorgen sei“. Am 1. Oktober 1900 nahm das neue Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten mit 24 Mitarbeitern im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Seemannskrankenhauses an den Hamburger Landungsbrücken seine Arbeit auf. Die stationäre Patientenversorgung findet seit 2006 im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf statt. Im dortigen Behandlungszentrum für hochpathogene Infektionserkrankungen (BZHI) wurde 2014 der Hamburger Ebola-Patient behandelt.[1]

Gebäude

Bild: © Ajepbah / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de
Institutsgebäude Südseite, mit Laborneubau im Vordergrund und Altbau im Hintergrund

Zwischen 1910 und 1914 entstand der dreiteilige Klinkerbau mit Laboratoriumstrakt, Krankenhaus und Tierhaus nach Plänen von Fritz Schumacher. Der Gebäudetrakt liegt im Stadtteil St. Pauli zwischen der Bernhard-Nocht-Straße auf der hochgelegenen Nordseite und dem zum Hafenufer herunterführenden Abhang der Davidstraße. Nach 1945 wurde das durch Bomben beschädigte Gebäude wiederaufgebaut. Ab 2003 wurde ein neuer Trakt auf dem Gelände des ehemaligen Tierhauses gebaut, der Ende Januar 2008 in Betrieb genommen wurde. Insbesondere die Hochsicherheitslabore wurden vollständig neu konzipiert und gehören seitdem zu den sichersten der Welt (Biologische Schutzstufe 4).

Die zahlreichen Schmuck-Reliefs an der Fassade des Altbaues stammen von dem Künstler Johann Michael Bossard.

Im Straßenverlauf ostwärts benachbart sind die Gebäude der Regionalzentrale des Deutschen Wetterdienstes und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.

Forschung

Das Institut unterteilt sich in fünf Forschungssektionen: Pathogen (Erregerforschung), Interface (Erforschung der Erreger-Wirt-Interaktionen), Patient (Klinische Forschung, Zoonosen und Diagnostik), Population (Infektionsepidemiologie, Arbovirologie und Entomologie) und Implementationsforschung.

Träger des Bernhard-Nocht-Instituts waren bis Ende 2007 das Bundesministerium für Gesundheit und die Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg. Am 1. Januar 2008 ging das BNITM in einer Stiftung der Leibniz-Gemeinschaft auf.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte des Instituts bilden Malaria, hämorrhagische Fieberviren (Lassavirus, Marburgvirus, Ebolavirus oder Krim-Kongo-Virus), Immunologie, Epidemiologie und Klinik tropischer Infektionen sowie die Mechanismen der Übertragung von Viren durch Stechmücken. Für den Umgang mit hochpathogenen Viren und infizierten Insekten verfügt das Institut über Laboratorien der höchsten biologischen Sicherheitsstufe (BSL4) und ein Sicherheits-Insektarium (BSL3). Das BNITM ist Nationales Referenzzentrum für tropische Infektionserreger und WHO-Kooperationszentrum für Arboviren und hämorrhagische Fieberviren.

Gemeinsam mit dem ghanaischen Gesundheitsministerium und der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi betreibt es ein modernes Forschungs- und Ausbildungszentrum im westafrikanischen Regenwald, das auch externen Arbeitsgruppen zur Verfügung steht.

Zu den Erfolgen des Instituts in jüngster Zeit gehört unter anderem die Identifizierung und die Entwicklung eines Tests für den SARS-Erreger (Christian Drosten, Stephan Günther 2003), die Entwicklung neuer Therapieansätze gegen Fadenwürmer, speziell bei der Flussblindheit (Achim Hörauf 1998), über symbiontisch mit den Würmern lebende Bakterien, und die Aufklärung eines noch fehlenden Übergangsstadiums des Malariaerregers (Merosome, Volker Heussler 2006). Das Ehepaar Paul Racz und Klara Tenner-Racz aus der Abteilung Pathologie des Instituts ist auch für Leistungen in der AIDS-Forschung bekannt.

Alt- und Neubau im Ensemble der Neuen Hafenkrone, Hamburg-Sankt Pauli

Direktoren

Seit 2008 wird das Institut von einem Stiftungsvorstand geleitet. Dieser besteht aus drei Wissenschaftlern und der kaufmännischen Geschäftsführung. Erster Vorstandsvorsitzender wurde der Mediziner Rolf Horstmann, auf ihn folgte der Parasitologe Egbert Tannich. Im Oktober 2021 nahm der Infektionsepidemiologe Jürgen May die Arbeit als Vorstandsvorsitzender des Instituts auf.

Sonstiges

Zwischen 1968 und 1990 betrieb das Institut ein Labor im Krankenhaus der deutschen Bergbausiedlung Bong Town im westafrikanischen Staat Liberia.[2] Infolge des Bürgerkrieges musste es geschlossen werden.

Als Mitglied der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) wird das Institut als „Forschungsinstitut mit überregionaler Bedeutung“ von Bund und Ländern jeweils zur Hälfte institutionell gefördert.[3]

Das BNITM ist in der Bevölkerung auch als „Das Tropeninstitut“ bekannt oder wird umgangssprachlich manchmal auch als „Tropenkrankenhaus“ bezeichnet.

Das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg arbeitet eng mit dem BNITM zusammen, sodass unter anderem seit 2005 der Fachbereich Tropenmedizin des Bundeswehrkrankenhauses im BNITM untergebracht ist.[4]

Seit dem Jahr 2006 findet unmittelbar am BNITM kein Krankenhausbetrieb mehr statt.

Die Bernhard-Nocht-Medaille für Tropenmedizin wird vom Bernhard-Nocht-Institut und der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin verliehen, und der Preisträger hält einen Vortrag in Hamburg. Einige der Preisträger wie Walter Kikuth und Hans Vogel forschten auch am Bernhard-Nocht-Institut.

Auf die W3-Professur „Klinische Tropenmedizin“ am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wurde Michael Ramharter berufen. Er zog mit seiner Abteilung „Klinische Forschung“ ans BNITM.

Literatur

  • Markus Hedrich: Medizin und Kolonialismus. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin als (post-)kolonialer Hamburger Erinnerungsort. In: Kim Sebastian Todzi, Jürgen Zimmerer (Hrsg.): Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post-)kolonialen Globalisierung (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der kolonialen Globalisierung. 1). Wallstein, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-5018-2, S. 197–212.
  • Barbara Ebert (Red.): Bernhard-Nocht-Institut Hamburg 1900–2000. 100 Jahre Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg 2000, ISBN 3-921762-01-4 (Katalog zur Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Tropeninstituts).
  • Stefan Wulf: Das Hamburger Tropeninstitut 1919 bis 1945. Auswärtige Kulturpolitik und Kolonialrevisionismus nach Versailles. Reimer, Berlin / Hamburg 1994, ISBN 3-496-02537-9.
  • Sven Tode: Forschen – Heilen – Lehren: 100 Jahre Hamburger Tropeninstitut. Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg 2000, ISBN 3-921762-02-2 (darin enthalten: Erich Mannweiler: Wissenschaftliche Arbeiten aus hundert Jahren Hamburger Tropenmedizin).
  • Erich Mannweiler: Geschichte des Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg 1900–1945 (= Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg. Neue Folge Band 32). Goecke & Evers, Keltern-Weiler 1998, ISBN 3-931374-32-7.

Weblinks

Commons: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Benno Kreuels, Dominic Wichmann, Petra Emmerich, Jonas Schmidt-Chanasit, Geraldine de Heer: A Case of Severe Ebola Virus Infection Complicated by Gram-Negative Septicemia. In: New England Journal of Medicine. Band 371, Nr. 25, 18. Dezember 2014, ISSN 0028-4793, S. 2394–2401, doi:10.1056/NEJMoa1411677, PMID 25337633.
  2. [1]
  3. Über das Institut auf der Website des BNITM
  4. Pressemitteilung des BNITM vom 9. Januar 2008 (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)

Koordinaten: 53° 32′ 49″ N, 9° 57′ 54″ O

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Bernhard-Nocht-Straße 74 (Hamburg-St. Pauli).Haupthaus.Turm.7.13718.ajb.jpg
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Altbau des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg-St. Pauli: Turm des Haupthauses mit Werksteinwappen von Johann Michael Bossard, im Hintergrund der Astra-Turm.
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Autor/Urheber: Torsten Bätge, Hamburg, Lizenz: GFDL
Hafenkrone in Hamburg-St. Pauli.
Auf dem alte Bavaria-Gelände oberhalb der St. Pauli-Landungsbrücken befindet sich die sogenannte Hafenkrone. Von der Hafenseite aus betrachtet hat das Quartier durch seine unterschiedlich hohen Gebäude mit ein bischen Phantasie die Form einer Krone. Das Hochhaus ganz links im Bild ist das Empire Riverside Hotel, in der Mitte steht der DWI-Turm und rechts daneben das Atlantic-Haus. In dem Klinkerbau vor dem DWI-Turm und dem rot-braunen Neubau daneben befindet sich das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, rechts das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.
Bernhard-Nocht-Straße 74 (Hamburg-St. Pauli).1.13718.ajb.jpg
Bild: © Ajepbah / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg-St. Pauli. Im Vordergrund der Laborneubau, im Hintergrund der Altbau.